Kommentar

Wissen im Fluss

Archivartikel

Madeleine Bierlein über die Forschung zu Corona, die zwar noch ganz am Anfang steht, aber dennoch schon viel bewirken konnte

Selten war der Einfluss der Wissenschaft auf unser Leben so deutlich zu spüren wie in dieser Corona-Pandemie. Wenn Modelle der Epidemiologen vorhersagen, dass sich das neue Virus exponentiell ausbreitet, werden Kitas, Restaurants und andere Einrichtungen geschlossen. Verzeichnen die Experten hingegen einen Rückgang des Infektionsgeschehens, kann eine Lockerung eingeleitet werden. Für die Bürger, vorausgesetzt sie arbeiten nicht im Gesundheitswesen, bleibt das alles merkwürdig abstrakt.

Und dennoch: An der Wissenschaft führt in der Corona-Krise kein Weg vorbei. Nur sie ermöglicht ein tieferes Verständnis über dieses für den Menschen neue Virus SARS-CoV-2. Und nur sie kann Übertragungswege, Ausbreitung, Angriffspunkte identifizieren und letztlich zu wirksamen Therapien und hoffentlich auch zu einem Impfstoff führen.

Das braucht normalerweise seine Zeit. Zur Erinnerung: Bis die Forschung eine adäquate Therapie gegen das HI-Virus entwickelt hatte, vergingen Jahrzehnte. Doch in der Pandemie ist Zeit ein knappes Gut. Deswegen nehmen Wissenschaftler notgedrungen Abkürzungen, veröffentlichen Zwischenberichte – kurzum, sie geben das heraus, was zum jetzigen Zeitpunkt Hand und Fuß hat.

Dieses Vorgehen ist nicht perfekt. Schließlich beginnt die Wissenschaft gerade erst, die neue Krankheit zu begreifen. Und doch hat sie schon viel bewirkt. Während die Menschheit früher Seuchen wie Pest, Cholera oder Spanischer Grippe fast schutzlos ausgeliefert war, haben Politiker nun auf Basis von Forschungsergebnissen frühzeitig Maßnahmen ergriffen – und die befürchtete Katastrophe vorerst abgewendet. In Kliniken werden neue Therapien eingesetzt, und das nur wenige Monate nach Entdeckung des Virus.

Das heißt natürlich nicht, dass Wissenschaft nicht hinterfragt werden darf. Im Gegenteil. Es sind Fragen und Zweifel, die neue Ansätze ermöglichen. Und die werden wir im Kampf gegen das Virus noch dringend brauchen.