Kommentar

Würdelos und traurig

Archivartikel

Alexander Müller zum Abschied von Mesut Özil

Ein letztes Länderspiel in seinem Heimatort Gelsenkirchen vor 60 000 begeisterten Fans, Tränen bei der Auswechslung, warme Worte von den alten Weggefährten – so einen großen Abschied hätte Mesut Özil verdient gehabt. Wie wir alle wissen, ist es leider ganz anders gekommen. Bundestrainer Joachim Löw hat gestern das Kapitel Özil in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft endgültig beendet, in dem er eine Rückkehr kategorisch und frostig ausschloss.

An dieser leidigen, komplett vertrackten Situation haben alle ihre Aktien. Özils Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vor der WM war eine Dummheit, sein eisernes Schweigen belastete das Klima in Russland. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich beim DFB auch dann noch niemand demonstrativ vor den hochdekorierten Nationalspieler stellte, als die Debatte längst eine klar rassistische Schlagseite bekommen hatte. Übrigens weder die Funktionäre noch seine Mitspieler. Özil trat zurück – mit einem Rundumschlag, in dem er richtige Kritik äußerte, aber teilweise auch arg selbstgerecht überzog. Jetzt geht er noch nicht mal mehr ans Telefon, wenn Löw anruft – es ist würdelos und traurig.

Mesut Özil wird fehlen. Mit ihm erlebte DFB-Elf die fußballerische Leichtigkeit des Seins.

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