Kommentar

US-Wahl

Wut und Zorn

Archivartikel

Manfred Loimeier analysiert die politische und gesellschaftliche Spaltung der Vereinigten Staaten von Amerika.

Im Nachhinein wird oftmals vieles klarer, und so ist es auch mit dem Wählerverhalten in den USA. Jetzt stellt sich heraus, dass Donald Trump – im Verhältnis gesehen – erstaunlicherweise weniger Stimmen von weißen Männern erhielt als erwartet. Dafür deutlich mehr von weißen Frauen und noch mehr von nicht-weißen Wählerinnen und Wählern, darunter vor allem von den sogenannten Latinos, den Hispanics, also der spanischsprachigen Bevölkerung im Süden der Vereinigten Staaten. Diese, das ist nicht zu vergessen, stellt in manchen Städten dort den größten Anteil an der Einwohnerschaft.

Dass die inzwischen vielfach kritisierten großen Prognose-Institute der USA das Wahlverhalten dieser Menschen unterschätzten, spricht allein schon Bände. Entlarvt es doch den weißen Blick dieser Meinungsforschungsinstitute. Sie müssen sich daher fragen lassen, ob sie überhaupt ausreichend Zugang haben zu diesen Wählerkreisen, die sie offenkundig nicht repräsentativ auf dem Sender haben: zu Afroamerikanern, zu Hispanics, zu den in eigenen Communities lebenden Gruppen aus Asiaten oder europäischen Einwanderernachfahren.

Und diese Einseitigkeit in der Erhebung von Wählerdaten, die offensichtlich von einer immer noch allzu sehr an der weißen Mittel- und Oberschicht ausgerichteten Orientierung herrührt, gibt einmal mehr ein Beispiel dafür, wie tief gespalten die US-Gesellschaft heute ist, wie wenige Brücken zur gegenseitigen Verständigung es gibt und wie gering das Verständnis füreinander daher ausgeprägt sein muss.

Die Doppelgesichtigkeit der USA allein ist aber noch kein Grund zur Verwunderung. Seit jeher stehen die USA sowohl für Demokratie mit ihrer wunderbaren Unabhängigkeitserklärung, aber auch für die Beseitigung von Demokratien etwa in Argentinien, Chile oder Iran zugunsten eines Regimes. Sie stehen für Freiheit in einem weiten Land, aber auch für Völkermord an der indigenen Bevölkerung; sie stehen dafür, dass jeder eine Chance hat, aber auch für jahrhundertelange Apartheid und anhaltenden Rassismus.

Was im Loblied auf Demokratie und Streben nach Glück gern vergessen wird: Seine Verfasser hatten zwar ihresgleichen vor Augen, die weiße, tonangebende Führungsschicht, nicht aber Angehörige anderer Bevölkerungsgruppen, die daher noch heute um Gleichberechtigung kämpfen. Nur: Dieses zwiespältige Selbstverständnis der USA ist eben nicht neu. Neu und bedenklich ist vielmehr, dass die US-Gesellschaft von weiteren tiefen Rissen gekennzeichnet ist.

Dass beispielsweise Hispanics so vehement für Trump Partei ergriffen, zeigt eine dieser neuen Kluften, die sich jüngst zwischen denen auftun, die bisher gemeinsam als Abgehängte der US-Gesellschaft galten. Es ist ein Verdrängungswettbewerb um Arbeitsplätze, in dem Afroamerikaner durch Latinos neue Konkurrenz erhalten und möglicherweise einer weiteren Ausprägung von Rassismus unterliegen.

Im Grunde heißt das, dass die Strukturen, die die US-Gesellschaft bisher separieren, neue Bestätigung und Bekräftigung finden. Es bedeutet, dass die Regeln, nach denen Menschen von wirtschaftlichem Wohlstand und gesellschaftlichem Aufstieg ausgeschlossen werden, neue Gültigkeit erhalten. Das heißt, dass der amerikanische Traum für die meisten eben doch nur ein Traum bleibt – und dass die Enttäuschung darüber sich zunehmend in Wut und Zorn verwandelt. In die Wut auch jener Menschen, die aus Zorn über eine ignorante weiße Führungsschicht populistisch wählten und die die Früchte ihres Zorns endlich ernten wollen – heute mehr denn je.

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