Kommentar

Zeit für Bestätigung

Marc Stevermüer zur Situation der DHB-Auswahl

Die Kölner Arena mit ihren frenetischen Fans ist ein gewaltiges, bisweilen einschüchterndes Erlebnis – und die deutsche Nationalmannschaft in diesem Handball-Tempel ein gewaltiges, bisweilen einschüchterndes Team. Nirgendwo anders als hier sind für die DHB-Auswahl Siege in Spielen möglich, die eigentlich schon verloren scheinen. Das zeigte die WM 2007 – und auch das Turnier 2019. Vor 13 Jahren trug die gigantische Atmosphäre die deutsche Mannschaft zum Titel, vor zwölf Monaten ging es bis ins Halbfinale. Doch jetzt steht eine EM in Norwegen, Österreich und Schweden an – und es stellt sich die Frage: Wie gut ist dieses Team wirklich?

Eindrücke stimmen positiv

Zur Erinnerung: Bei der EM 2018 reichte es unter dem damals neuen Bundestrainer Christian Prokop nur zu Rang neun. Der Coach zog aus dem Desaster seine Lehren, ging kritisch mit sich um, weshalb es unfair wäre, den Erfolg im vergangenen Jahr nur dem Heimvorteil zuzuschreiben. Und doch wird eben erst die anstehende EM Aufschluss darüber geben, ob diese deutsche Auswahl zur Weltspitze gehört und Trainer und Team wirklich zu 100 Prozent einander vertrauen.

Die Eindrücke der zurückliegenden 23 Monate stimmen zumindest zuversichtlich. Die Deutschen schlugen zuletzt dreimal in Folge die stets zum Kreis der Medaillenanwärter zählenden Kroaten. Außerdem hatten sie die jahrelang dominanten Franzosen – wohlgemerkt nicht in Deutschland, sondern in Dänemark – beim WM-Spiel um Rang drei am Rande der Niederlage. Und was noch wichtiger ist: Prokops Abschied von der akademisierten Herangehensweise an das Spiel und die stattdessen nachweislich gewährten Freiheiten für die Mannschaft sprechen allesamt für den Coach, der das Team mit einer zweiten Abwehrvariante weiterentwickelte. Keine Frage: All das macht Hoffnung auf ein neues Wintermärchen.

Ausfälle wiegen schwer

Prokop gibt sich zwar weiterhin demütig, spricht aber trotzdem von einer Medaille. Bescheidenheit und Halbfinalträume schließen sich auch nicht aus. Das eine ist vielmehr ganz oft das Rezept, um das andere zu erreichen – ohne sich dabei in falscher Zurückhaltung zu üben. Das wäre auch fatal. Denn wer sich klein macht, wird auch schnell klein.

Auf dem Weg Richtung Vorschlussrunde hilft die Auslosung der DHB-Auswahl, noch dazu ist mit Julius Kühn ein bei der WM schmerzlich vermisster Spielertyp und Leistungsträger ins Team zurückgekehrt. Und doch sind die Voraussetzungen alles andere als ideal. Die Absagenflut im Rückraum schmerzt, der Substanzverlust ist riesig und die Zeit zu kurz, um grundlegend Neues einzustudieren. Vor vier Wochen wäre das Halbfinale noch erwartbar gewesen, nun wird dieses Unterfangen deutlich schwieriger – wenngleich es nicht unmöglich ist.

Angesichts der potenziellen Gegner in der Hauptrunde darf aber selbst von einer dezimierten DHB-Auswahl zumindest die Begegnung um den fünften Rang verlangt werden. Das wäre in dieser Konstellation kein Misserfolg – und würde außerdem bestätigen, dass die Deutschen zur Weltspitze gehören und den richtigen Trainer haben.