Kommentar

Zu großes Risiko

Archivartikel

Walter Serif sieht nach der Tötung des berühmt-berüchtigten iranischen Brigaden-Führers Ghassem Soleimani eine dramatisch erhöhte Kriegsgefahr

Mit der Tötung ihres Staatsfeindes Nummer eins erklären die USA dem Iran den Krieg – wollen aber angeblich selbst keinen führen. Außenminister Mike Pompeo lässt leider die Frage unbeantwortet, wie das denn nach dem Drohnenangriff auf den iranischen General Ghassem Soleimani gehen soll. Denn die Entscheidung darüber, ob es einen Krieg gibt, fällt jetzt eher in Teheran als in Washington. Auf jeden Fall beweist Pompeos Aussage wieder einmal, wie irrational die Außenpolitik der Vereinigten Staaten mit dem Amtsantritt von Donald Trump geworden ist.

Der Präsident hat sich seither den Iran als Hauptgegner vorgeknöpft. Nach der einseitigen Kündigung des Atomabkommens durch die USA steht Teheran mit dem Rücken zur Wand. Und die Europäer trauen sich nicht, dem Verbündeten die Stirn zu bieten. Die Sanktionen graben der iranischen Wirtschaft das Wasser ab, das Volk murrt und protestiert.

Bisher ist Trump allerdings eher wie ein Maulheld aufgetreten, der dem Iran erst mit der „Auslöschung“ droht, dann aber den Krieg in angeblich letzter Minute abbläst. Aber diesmal hat der Präsident seinen Sprüchen Taten folgen lassen, die ihn selbst in den Abgrund stoßen können (bye-bye, Wiederwahl?) – und womöglich das Leben von amerikanischen Soldaten und Zivilisten in der Krisenregion aufs Spiel setzen.

Immerhin musste mit dem berühmt-berüchtigten General Soleimani der Architekt der iranischen Militärpolitik sterben. Er war mit seinen Al-Kuds-Brigaden direkt dem Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei unterstellt, der den „Satan USA“ verteufelt.

Chamenei wird auf Trumps Angriffsbefehl reagieren müssen, denn er selbst hatte im Dezember getönt, die USA könnten dem Iran nichts anhaben. Das war eine Fehleinschätzung. Chameneis Antwort muss nicht gleich in einen Krieg münden, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, ist dramatisch gestiegen. Im Iran rücken alle zusammen und fordern Rache. Dagegen ist die Unterstützung für Trump unter den Verbündeten gleich null. Der demokratische Präsidentschaftsbewerber Joe Biden hat deshalb Recht, wenn er meint, Trump habe „eine Stange Dynamit in ein Pulverfass geworfen“. An den Händen des toten Generals klebt zwar viel Blut, aber Trump ist mit seiner Exekution einfach ein zu großes Risiko eingegangen. Die Milizen und ihre Verbündeten haben nicht nur im Irak ihre Finger im Spiel, sondern fast überall in der Region, also auch in Syrien und im Libanon. Das macht sie besonders flexibel – und gefährlich. Die Chancen, dass es bei einem Nervenkrieg bleibt, sind gering.