Kommentar

Zu großes Wagnis

Archivartikel

Alexander Müller zur Torwartfrage bei der WM

 

Auch der vermutlich beste Torhüter der Welt kann ohne Spielpraxis keine Fußball-Weltmeisterschaft spielen. Diese bittere Erkenntnis reift zurzeit in Manuel Neuer. Im September 2017 stand der DFB-Kapitän zuletzt für den FC Bayern zwischen den Pfosten, die Saison wird wohl zu Ende gehen, ohne dass der 32-Jährige sein Comeback feiern wird. Trainer Jupp Heynckes wird garantiert nicht das Risiko eingehen, Neuer ohne Spielpraxis in ein DFB-Pokalfinale zu schicken.

Die Causa könnte auch Joachim Löw in eine der unangenehmsten Situationen seit der Übernahme der DFB-Amtsgeschäfte 2006 bringen. Einerseits ist Löw für seine Treue zu verdienten Spielern bekannt und hat es schon mehrfach geschafft, malade Stars in den Trainingslagern vor den Turnieren in Wettkampfform zu bringen.

Aber bei Neuer erscheint das Wagnis realistisch betrachtet als zu groß – was offenbar auch der Welttorhüter selbst langsam einsieht. Bisher kann der Ausnahmekeeper ja noch nicht einmal konstant am Münchner Mannschaftstraining teilnehmen. Zweifel, ob sein Fuß überhaupt schon den Belastungen des Spielbetriebs standhält, bleiben.

Sportlich kann der Bundestrainer den nahenden Verlust Neuers mittlerweile sogar verschmerzen. Ersatzmann Marc-André ter Stegen wird in Barcelona als entscheidender Faktor für den Gewinn der Meisterschaft gefeiert und hat zuletzt auch im DFB-Trikot an Statur gewonnen. Löw muss deshalb in Russland auf ter Stegen setzen – Form schlägt Verdienste. Vielleicht öffnet er Neuer aber ein Hintertürchen: Der Kapitän könnte in der sportlichen Statistenrolle als Torwart Nummer 3 doch zur WM mitfahren und ter Stegen aus dem Hintergrund unterstützen.