Kommentar

Zu gut, zu groß

Archivartikel

Marc Stevermüer versteht Havertz’ Wechselwunsch

Wenn es so etwas wie ein Fußball-Floskel-Buch mit dem Kapitel „Transfers“ geben sollte, dann darf ein Satz in diesem Werk auf keinen Fall fehlen. Er handelt „vom nächsten Schritt“, den ein Spieler in seiner Karriere machen will. Wahlweise kann man freiwillig einen Schritt zurückgehen, um dann zwei Schritte voranzukommen. Was übersetzt heißt: Man geht zu einem schlechteren Verein, um dort den Durchbruch zu schaffen. Oder man wechselt zu einem Club, der noch besser als der momentane Arbeitgeber ist. Bei Kai Havertz steht fest, dass für ihn die zweite Variante gilt. Er ist recht schnell ein bisschen zu groß für den gar nicht mal so kleinen Bundesligisten Bayer Leverkusen geworden und dem Talentstatus schon längst entwachsen – mit gerade einmal 21 Jahren, was schon sehr viel über ihn aussagt.

Der gebürtige Aachener kann dribbeln und passen, ist sicher im Kombinations- und Konterspiel. Ja, er schießt sogar Tore mit dem Kopf. 118 Bundesligaspiele hat Havertz bereits bestritten, 36 Treffer und 25 Assists stehen in seiner Vita. Keine Frage: Diese Zahlen sind wichtig, weil sie bei der Einordnung helfen. Aber die reinen Statistiken sagen nicht alles über diesen fantastischen Fußballer aus, bei dem man sich fragt, welche Schwäche er eigentlich hat. Die Antwort: Es gibt keine, weshalb er mehr als nur ein sehr guter Spieler ist.

Perfekte Palette an Qualitäten

Havertz hat das Zeug zum Weltklassemann, weil der 21-Jährige auch die vermeintlich kleinen Dinge großartig beherrscht. Wie er den Ball annimmt, wie er ihn weiterleitet, welches Auge er für den Raum hat, wie schnell er eine Situation erfasst – all das wird als Selbstverständlichkeit hingenommen. Auch weil es nicht in Zahlen zu erfassen ist. Aber diese perfekte Palette an Qualitäten ist es letztendlich, die aus ihm einen Unterschiedsspieler macht, der Titel gewinnen kann, will und muss.

Das Problem daran: Mit Bayer ist das auf absehbare Zeit eher nicht möglich, in der nächsten Saison fehlen die Rheinländer zudem erneut in der Champions League. Ein Wettbewerb, bei dem die besten Clubs und die besten Spieler dabei sind – und zu denen gehört Havertz nun einmal. Der FC Chelsea wird ihm ziemlich sicher diese große Bühne bieten können, der vom Noch-Leverkusener wohl zuvor favorisierte Abnehmer Real Madrid auch. Aber die 100 Millionen Euro Ablöse sind für den spanischen Nobelclub ein Problem. Das Gute für Havertz: Seinen Traum von Madrid kann er sich auch später erfüllen. Er ist jung. Da bleibt noch Zeit für einen weiteren nächsten Schritt.