Kommentar

Zu wenig

Werner Kolhoff mahnt dazu, den Klimaschutz endlich konsequent umzusetzen

Jeder weiß, dass es gefährlich ist, beim Autofahren am Handy zu daddeln. Trotzdem tun es viele. Unfallstatistiken halten sie nicht ab. Erst wenn man selbst ein Unglück erlebt, ändert man sein Verhalten.

Verdrängung ist eine menschliche Grundeigenschaft. Beim Klimawandel wird das immer schwieriger, denn die konkrete Erfahrung mit seinen Folgen wird intensiver. In den pazifischen Inselstaaten ist das schon lange der Fall, aber nun auch in Europa. Gletscherschmelze, Starkregen, Dürre, das sind alles keine fernen Phänomene mehr. Überflutungen an den Küsten werden dazukommen; 3,2 Millionen Deutsche wären davon nach jüngsten Schätzungen direkt betroffen.

Unsere Spezies ist freilich nicht nur in Sachen Verdrängung ein Meister, sondern auch im Fach Gewöhnung. Man kauft dann eben mehr Klimaanlagen und erhöht die Deiche. Ganz schlecht sind wir hingegen bei der Aufgabe Veränderung. Auf dem Papier steht das Ziel einer karbonfreien Wirtschaft bis 2050 spätestens seit dem G7-Gipfel von Elmau. Und seit dem Pariser Klimaabkommen ist auch eine Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad, wenn irgend möglich auf 1,5 Grad, vereinbart. Nur wird viel zu wenig getan, um diese Ziele zu erreichen. Die Weltgesellschaft belügt sich sozusagen selbst.

Vor dem Klimagipfel in Kattowitz hat der wissenschaftliche Weltklimarat jetzt noch einmal herausgearbeitet, dass schnelles Handeln notwendig ist. Die gute Nachricht, dass es etwas mehr Zeit als gedacht gibt, um die 1,5 Grad noch zu erreichen, könnte dabei zugleich die schlechte sein. Denn an dieser Möglichkeit zur Verzögerung wird sich die Menschheit sofort wieder festklammern.

Klimaschutz muss global stattfinden. Das ist das eine. Zugleich muss ihn jeder Staat bei sich ganz kleinteilig umsetzen. Deutschland ist dabei leider kein Vorbild. Zum Beispiel nicht im Verkehrssektor, wo faktisch nichts geschieht. Und auch nicht bei der Kohle. Von der Bergbaugewerkschaft würde man in der laufenden Debatte um den Ausstieg gern mal einen Satz der Vernunft hören. Zum Beispiel den: Wir müssen das Ende der Kohleverbrennung zwar sozialverträglich, aber auch so schnell wie möglich herbeiführen. Und wir roden für neue Tagebaue jetzt sicher keine Wälder mehr.