Kommentar

Zu wenig konkret

Archivartikel

Peter W. Ragge zum neuen „Masterplan Kultur“

Es ist erst eine Woche her, da zeigte die Ampel auf „Rot“. In dem Stufenplan, den Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) zur Lockerung der Corona-Verordnung vorgestellt hat, standen Kulturveranstaltungen auf einer Ebene mit Diskotheken, Volksfesten, Saunen und Prostitution – ganz hinten, an allerletzter Stelle. Wann das je wieder möglich ist, sei „nicht abschätzbar“.

Nur sieben Tage später sind laut Kretschmanns Parteifreundin Theresia Bauer „kleine künstlerische Veranstaltungsformate“ doch schon ab 1. Juni erlaubt.

Soll man sich darüber freuen oder wundern?

Freuen werden sich zunächst die Künstler. Und freuen darf man sich über die Kehrtwende für all die Menschen, die kulturelle Erlebnisse als wichtiges Lebensmittel für Geist und Seele betrachten. Dafür sind neben den Leuchttürmen, den großen Museen und Theaters, auch all die schönen Kleinkunstbühnen, die neben Originalität emotionale Nähe bieten und erst die Vielfalt einer Kulturregion ausmachen, unverzichtbar.

Aber gerade sie können, da sie oftmals ehrenamtlich oder mit einen nur winzigen Stamm an Hauptamtlichen mit Minilöhnen getragen werden, kein Experimentierfeld sein. Das überfordert die Kleintheater und setzt sie einem Druck des Publikums aus nach dem Motto: „Sie dürfen doch. . .“.

Das Coronavirus ist nach wie vor gefährlich und kann nur eingedämmt werden, wenn die Bürger weiter verantwortungsvoll Abstand halten. Da schafft es kein Vertrauen, wenn Politiker sich gegenseitig darin übertreffen, alle paar Tage weitere Lockerungen zu verkünden – und mit der konkreten Umsetzung vor Ort dann die Menschen, die Einrichtungen und auch die Kommunen alleine lassen. Denn Bauers Masterplan ist viel zu wenig konkret, er weckt nur unerfüllbare Hoffnungen.