Kommentar

Hagen Strauß über die Kandidaten auf den CDU-Parteivorsitz. Eine einvernehmliche Lösung scheint derzeit nicht in Sicht.

Zur Zielgeraden

Archivartikel

Hagen Strauß über die Kandidaten auf den CDU-Parteivorsitz. Eine einvernehmliche Lösung scheint derzeit nicht in Sicht.

Das Kandidatenrennen um den CDU-Parteivorsitz und damit um eine mögliche Kanzlerkandidatur geht langsam, aber sicher auf die Zielgerade. Nach dem Ende der politischen Sommerpause und dem ersten Durchatmen in der Corona-Krise schlagen die Aspiranten jetzt klar Pflöcke ein. Bis zum CDU-Parteitag Anfang Dezember ist es schließlich nicht mehr lange hin – wenn er denn überhaupt stattfindet. Wegen des Virus will die Union darüber in ihren Gremien an diesem Montag beraten.

Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, hat indirekt durch die Kommunalwahlen in seinem Bundesland ein erstes Wähler-Zeugnis erhalten. Davon abgesehen: Laschet war eine Zeit lang in der Kritik wegen seines Corona-Krisenmanagements. Inzwischen ist jedoch zu hören, dass sich das Blatt etwas gewendet hat. Was vor allem damit zu tun haben dürfte, dass dem stets tatkräftiger wirkenden CSU-Chef Markus Söder in der Zwischenzeit einige Fehler unterlaufen sind. Mit Blick auf die Kanzlerkandidatur fliegen dem Bayern die Herzen in der CDU längst nicht mehr so geballt zu wie noch vor Wochen. Zudem nutzt Laschet die Performance von Gesundheitsminister Jens Spahn.

Nicht wenigen in der Partei wäre es zwar deutlich lieber, Spahn würde gleich für den CDU-Vorsitz kandidieren, statt nur als Vize im Team Laschet aufzutreten. Doch dies hat der Bundesgesundheitsminister inzwischen zu oft abgelehnt, als dass er seinem NRW-Freund jetzt noch in den Rücken fallen könnte.

Um Friedrich Merz war es zuletzt stiller geworden. Kein Regierungsamt, keine echte politische Funktion, durch die man sich in Krisenzeiten in den Vordergrund spielen könnte. Das hat Merz in die Defensive gebracht. Doch jetzt, wo der politische Betrieb wieder an Fahrt gewinnt, untermauert er deutlich seinen Anspruch auf den CDU-Vorsitz und die Kanzlerkandidatur.

Merz Vorteil könnte womöglich sein, dass zum Ende des Jahres die ökonomischen Folgen von Corona richtig durchschlagen werden. Auch im Wahlkampf dürfte die wirtschaftliche Entwicklung wichtigstes Thema werden. Gleichwohl wirkt seine Attacke auf Finanzminister Olaf Scholz, der SPD-Mann haue das Geld raus, als ob es kein Morgen gebe, etwas irritierend: Erstens verrät Merz nicht, was er in der Krise anders gemacht hätte, um die Corona-Folgen abzumildern. Und zweitens hat die Union dem Schuldenmachen und dem Aus für die schwarze Null zugestimmt. Insofern ist die Attacke auf den SPD-Kanzlerkandidaten auch eine gegen die eigenen Leute. Nicht jedem in der Partei dürfte dies gefallen.

Der Dritte im Bunde, Norbert Röttgen, ist derzeit als Außenpolitiker ein gefragter Mann. Ob der Fall des vergifteten russischen Kreml-Kritikers Alexej Nawalny, die Präsidentschaftswahlen in den USA im November, die Flüchtlingssituation auf Lesbos und der Umgang damit – Außenpolitik bestimmt derzeit die Schlagzeilen. Sie ist Röttgens Spielfeld, auf dem er sich klar auch in Abgrenzung zur Regierung in Szene setzt. Für die große Überraschung wird dies wohl nicht reichen, womöglich aber für einen Achtungserfolg.

Jedenfalls zeigt sich derzeit einmal mehr: Eine einvernehmliche Lösung der CDU-Kandidaten für den Vorsitz ist nicht in Sicht. Auch wenn sich das viele in der Union wünschen.