Kommentar

Zurück in die Köpfe

Archivartikel

Anne Jeschke findet, dass Klimawandel und Naturschutz zuletzt zu sehr in den Hintergrund geraten sind

Die natürlichen Ressourcen für dieses Jahr sind aufgebraucht. Natürlich ist dieser „Erdüberlastungstag“, den die Nichtregierungsorganisation Global Footprint Network ausruft, ein symbolisches Datum. Und doch sollten wir seine Botschaft ernst nehmen. Das Thema Umweltschutz gehört wieder häufiger auf die Tagesordnung – auf die politische wie auf die persönliche.

Nicht zuletzt durch die emotionalen Debatten um Zuwanderung sind die Themen Klimawandel und Umweltzerstörung zunehmend in den Hintergrund gerückt. Dabei zählen auch ihre Folgen zu den Gründen, aus denen Menschen ihre Heimat verlassen. Westliche Länder importieren wertvolle Rohstoffe aus Staaten, in denen soziale und ökologische Standards niedrig sind und Arbeiter ausgebeutet werden. Und wo Firmen im großen Stil Öl fördern oder Wald abholzen, zerstören sie Natur. Menschen in den betroffenen Ländern leiden längst unter Auswirkungen wie Dürre, Hungersnot oder Naturkatastrophen. Der Streit um Ressourcen löst Krisen und Kriege aus.

Auch die Hitzewelle in Europa dürfte sogar all jenen, die noch immer am Klimawandel zweifeln, die eine oder andere Schweißperle auf die Stirn treiben. Doch trotz aller Warnzeichen gelingt es Deutschland weder die selbstgesetzten Emissionsziele noch die EU-Vorgaben bis 2020 einzuhalten: Angestrebt war etwa, bis dahin den Ausstoß von Treibhausgasen im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent zu senken. Vergangene Woche durfte sich das Land dann auch noch mit dem zweifelhaften Titel „Verpackungsmüll-Europameister“ schmücken.

Die Politik muss endlich entschiedener handeln, etwa Ökostrom schneller ausbauen, Kohleverstromung drosseln, einen raschen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen beschließen oder die Elektromobilität stärker vorantreiben. Die Regierung sollte Unternehmen über strengere Vorgaben zu ressourcenschonendem Wirtschaften und sozialem Engagement in Produktionsländern verpflichten. Viele Betriebe betreiben Greenwashing – stellen sich also nach außen hin nachhaltiger dar, als sie tatsächlich sind. Und auch Landwirtschaft muss umweltverträglicher gestaltet werden.

Doch wer allein auf Politik und Wirtschaft setzt, macht es sich zu leicht: Beim Umweltschutz ist jeder Einzelne gefragt. Das hat nichts mit erhobenem Zeigefinger zu tun, sondern mit gesundem Menschenverstand. Niemand kann alles richtig machen – aber jeder kann kleine Beiträge leisten: das unverpackte Gemüse kaufen, den Schokoaufstrich aus Palmöl im Regal stehen lassen. Kleider auswählen, die unter fairen Bedingungen hergestellt worden sind, oder öfter vom Auto aufs Rad, auf Bahn und Bus umsteigen.

Der Westen lebt unbestritten zulasten der Umwelt und zulasten von Menschen in anderen Regionen der Welt. Wen das immer noch kalt lässt, der lebt allerdings – unter Umständen – auch zulasten seiner eigenen Enkelkinder.

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