Kommentar

Zurücktreten bitte

Archivartikel

Tobias Käufer hält weder den bolivianischen Präsidenten Evo Morales noch seinen Herausforderer Carlos Mesa für regierungstauglich

Evo Morales war der erfolgreichste Vertreter des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ in Lateinamerika.

Der erste frei gewählte indigene Präsident Boliviens stand für eine Wirtschaftspolitik mit Augenmaß, die Wachstum, aber auch soziale Komponenten berücksichtigte und die Durchsetzung indigener Rechte. Die Menschen dankten es ihm mit hohen Zustimmungsraten. Doch dann kippte die Stimmung, weil sich Morales plötzlich für unersetzlich hielt.

Dass Präsident Morales zu dieser Wahl überhaupt antrat, nachdem ihm sein Volk bei einem von seiner Partei initiierten Referendum vor drei Jahren die Aufhebung der Amtszeitbegrenzung untersagte, ist der Schlüsselmoment der heutigen Krise. Einen „ewigen Evo“ an der Macht, das wollte die Mehrheit der Bolivianer nicht.

Morales hatte vor dem Referendum versprochen, das Ergebnis zu akzeptieren – und hat dann doch sein Wort gebrochen. Seitdem hat er das Vertrauen vieler Bolivianer verloren. Dass er am Wahlabend seinen Wahlsieg erklärte, obwohl die Wahlbehörde zuvor noch eine Stichwahl in Aussicht stellte, ließ diese Wunde wieder aufbrechen.

Sein konservativer Herausforderer Carlos Mesa wiederum kann bislang außer Vermutungen keine handfesten Beweise dafür vorlegen, dass es bei den Wahlen zu Manipulationen gekommen wäre.

Für die Demokratie im Lande wäre es besser, wenn beide Politiker abtreten würden. Denn egal, ob Wortbrecher Morales oder Ankläger Mesa aus diesem Konflikt als Sieger hervorgehen, sie würden jeweils gegen eine Hälfte des bolivianischen Volkes ankämpfen müssen.