Kommentar

Zusammen wachsen

Archivartikel

Lea Seethaler über die Studie der Hans-Böckler-Stiftung zu Unterschieden der Einkommensverteilung.

Das Thema Einkommen ist emotional. Besonders, wenn es in einer Studie noch auf eine weitere gefühlsbehaftete Angelegenheit – nämlich die Wiedervereinigung – trifft. 30 Jahre nach der Wende liegen die östlichen Bundesländer bei den Einkommen weiterhin deutlich hinten. Doch wer Studien wie die der Hans-Böckler-Stiftung missmutig aufnimmt, nach dem Motto „Natürlich wurden wir schon wieder abgehängt!“ oder „Klar, dass die aus dem Osten weit hinten liegen!“, macht damit nichts besser, sondern verhärtet nur Denkmuster. Es gibt nämlich in Ost wie West das Potenzial, auch heute noch voneinander zu lernen. Und darauf sollte man den Fokus legen.

Dass sich viele Dinge langsam ändern, ist eine Tatsache. Besonders, wenn sie historisch gewachsen sind und von vielen verschiedenen Faktoren bestimmt werden. Natürlich kann man Stunden damit verbringen, die Entstehung der Ost-West-Unterschiede zu erklären. Dabei kommt man um wirtschaftliche Begriffe wie Humankapital, Infrastruktur und entindustrialisierter Osten nicht herum. Zudem braucht man jede Menge Modelle und Zeit. Nicht missverstehen: Es ist gut, dass es diese Forschung gibt und dass sie detailliert und stetig fortgeführt wird. Was jedoch stört, ist, wie die Ergebnisse in der Öffentlichkeit aufgenommen werden. Dort wirken sie eher lähmend als anregend. Sie werden oft als Bestätigung interpretiert, nicht als Motivation. Dabei sollten sie jeden Einzelnen anregen. In jedem gesellschaftlichen Bereich. Politiker zu Maßnahmen, die Standorte attraktiver machen. Firmen zu mutigen Investitionen: Vielleicht bergen altbekannte Nachteile im Osten auch Vorteile? Wie wäre es, entgegen allen Vorgaben einmal auf günstiger Landfläche im Nirgendwo zu investieren. So Geld einzusparen, das in Lohn zu investieren und dadurch an Fachkräfte zu kommen.

Und letztlich gilt es, die technischen Möglichkeiten unseres Zeitalters zu nutzen – die einen schnellen Austausch möglich und Daten schnell verfügbar machen: Der Osten sollte laut einfordern, was fehlt, sagen, was läuft und was nicht. So könnten Entscheider beim Stellenbesetzen vielleicht dazu gebracht werden, über den Westen hinauszudenken – sei es in Verwaltung, Gerichten oder Militär. Laut sein, ideenreich sein, so wie es zum Beispiel die Start-up-Metropole Berlin ist, die für viele Vorbild ist. Und übrigens im Osten Deutschlands liegt.

 
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