Kommentar

Zuversicht hilft

Tatjana Junker findet es gefährlich, die Lage der deutschen Wirtschaft schlechter zu reden, als sie ist

Und wieder eine Hiobsbotschaft aus der Wirtschaft: Das Exportgeschäft der deutschen Unternehmen leidet zunehmend unter den internationalen Spannungen, im Juni sind die Ausfuhren um acht Prozent eingebrochen. Schnelle Besserung ist nicht in Sicht. Die wirtschaftspolitischen Fronten zwischen den USA und China haben sich in den vergangenen Tagen deutlich verhärtet. Keine guten Aussichten also für den Exportweltmeister Deutschland, dessen Wirtschaft stark auf einen offenen und berechenbaren Welthandel angewiesen ist. Die Industrie fährt entsprechend nur noch auf Sicht – und das wird vermutlich erst einmal so bleiben.

Dass es in der deutschen Wirtschaft auch noch eine ganz andere Seite gibt, weiß jeder, der zuletzt versucht hat, auf die Schnelle einen Handwerker zu finden. Die Baubranche boomt, die Betriebe müssen sich Aufträge teilweise entgehen lassen, weil sie nicht hinterherkommen.

Der private Konsum ist bisher ebenfalls noch eine wichtige Stütze für die Konjunktur – und man kann nur hoffen, dass er es bleibt. Zuletzt haben sich die Verbraucher allerdings von den vielen Negativnachrichten aus der Wirtschaft zunehmend einschüchtern lassen und halten entsprechend ihr Geld mehr zusammen. Das ist alarmierend. Denn wenn jetzt auch noch die Konsumenten stark auf die Bremse treten, können sie den Konjunkturmotor, der bisher nur in gedrosseltem Tempo läuft, endgültig abwürgen.Die Krise würde dann auch Branchen treffen, die der Brexit und die handelspolitischen Sandkastenspiele von Donald Trump bisher kalt lassen: den heimischen Bau, den Inlandstourismus, die Gastronomie und andere Dienstleistungszweige, die Konsumgüterindustrie. Auch der schwächelnde Maschinenbau würde noch mehr belastet: Wenn Firmen, die Fernseher, Fahrräder oder andere Konsumgüter herstellen, weniger verkaufen oder nicht auf eine stabile Nachfrage setzen können, ordern sie selbst weniger Maschinen. Diese Abwärtsspirale wäre schwer zu bremsen.

Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie, soll schon der einstige Bundeskanzler Ludwig Erhard gesagt haben. Deshalb ist es wichtig, die aktuelle Situation nicht schlechter zu reden, als sie ist. Natürlich geht es nicht darum, Fakten auszublenden. Aber ob man das Glas als halb leer oder als halb voll betrachtet, kann man wählen – und es macht einen Unterschied.

Gründe für Zuversicht gibt es: Der Arbeitsmarkt ist immer noch robust wie selten, und die deutschen Firmen wissen, dass es für sie nicht leichter wird, Fachkräfte zu finden. Entsprechend werden sie bemüht sein, ihre Belegschaften auch über konjunkturelle Durststrecken hinweg zu halten und in Ausbildung zu investieren. In der Finanzkrise vor zehn Jahren hat sich zudem die Kurzarbeit als gutes Instrument dafür bewährt, auch stärkere Flauten ohne Entlassungen zu überstehen.