Kommentar

Zweigleisig fahren

Werner Kolhoff findet, dass bei Scheidungen das Wechselmodell gegenüber dem Alleinerziehungsmodell gestärkt werden sollte

Eine Trennung ist ein Unglück für jedes Kind. Ob es zur Großkatastrophe wird, hängt davon ab, wie die Eltern in der folgenden Zeit mit dem Kind und auch mit sich selbst umgehen. Was ist das Beste für alle Beteiligten, das Wechselmodell, eine Woche hier, eine Woche da? Oder der Wochenend-Papa? Auf diese Alternative spitzt sich das Thema derzeit zu, obwohl die Frage des Aufenthaltsortes aus Kindessicht nicht die einzig entscheidende ist. Zeit, Wärme, Liebe sind noch viel wichtiger. Es wird erregt diskutiert.

Die FDP fordert, die Halbe-halbe-Regelung zum Standard zu machen, damit die Familiengerichte sie öfter anordnen können. Die Linke hält dagegen. Väterinitiativen erklären, der Lobby der alleinerziehenden Mütter gehe es nur ums Geld. Ihnen nicht? Die Mütter wiederum warnen vor einer Verletzung des Kindeswohls. Als ob nur sie es garantieren könnten. Dabei sollte doch gelten: Wenn Gleichberechtigung im Familienalltag das Ziel ist, – und vielleicht sogar schon gelebt wurde –, sollte es auch die gleichberechtigte Erziehung nach der Trennung sein. Die überforderte alleinerziehende Mutter (Väter viel seltener) hier, der Sugar-Daddy für den Kinobesuch am Wochenende da, das kann nicht das Leitbild sein.

Die Kinder müssen bei beiden Elternteilen Geborgenheit finden – also auch Alltag. Mit Hausaufgaben, Krankheiten, Geschwisterstreit, Klamotten kaufen, Sport. Das ganze Programm. Kinder brauchen ein Zuhause, nicht zwei, wird entgegengehalten. Ja, aber dieses eine Zuhause ist mit der Trennung sowieso schon zerbrochen. Zwei halbe sind dann die bessere Variante, wenn es zwei gute sind. Sie sind es aber nicht automatisch, nicht immer und nicht überall.

Das Wechselmodell setzt zum Beispiel Arbeitszeiten voraus, die damit vereinbar sind. Es erfordert nahe beieinander liegende Wohnungen, in denen es Kinderzimmer gibt. Es ist also teuer. Und es verlangt von beiden Elternteilen große Kooperationsbereitschaft. Also das Gegenteil von dem, was es oft nach Trennungen gibt.

Gesetzlich ist schwer zu entscheiden, was in jedem Einzelfall die bessere Lösung ist. Man sollte kein einziges Modell festlegen, aber das Wechselmodell endlich so fördern, dass es als gleich gute Variante in Erwägung gezogen werden kann. Im Steuerrecht, bei Hartz IV und beim Wohngeld, bei der Aufteilung des Kindergelds oder des Familienzuschlags. Und auch von den Familiengerichten. Das ist alles bisher noch auf das Alleinerziehermodell zugeschnitten. Außerdem muss man die Mediation ausbauen, also Eltern besser beraten. Womöglich würden dann nicht nur 15 Prozent der Scheidungseltern das kooperative Wechselmodell wählen. Ihnen und den Kindern wäre es zu wünschen.