Kultur

Literatur A.L. Kennedy schreibt von der Liebe zwischen zwei bedürftigen Menschen

24 bedeutsame Stunden

Archivartikel

„Ich bin der Mann, der die Aber beseitigt. Ich kann sie aus jeder öffentlichen Verlautbarung, Pressemitteilung, aus jeder Notiz auf einem Briefumschlag tilgen, wenn Sie darauf bestehen, dass Sie meine Hilfe brauchen und einen heiklen Tag haben. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihnen irgendein Teil der Wirklichkeit einfach nicht gefallen mag, dann komme ich ins Spiel und formuliere diese Wirklichkeit für Sie um.“ Jon ist gut in dem, was er tut.

Aber er verachtet sich auch dafür: für das Ministerium, für das er arbeitet, alle Skandale glattzubügeln, alles Differenzierte zu vereinfachen, alle Fakten schön zu lügen. Dabei gerät sowieso alles aus den Fugen, das London der Gegenwart ist kein angenehmer Ort mehr. Nicht für Jon Corwynn Sigurdsson. Er ist jetzt 59 Jahre alt, hat eine erwachsene Tochter, die er kaum kennt, und eine Ex-Frau, die mit allen seinen Kollegen geschlafen hat. Auch für Meg nicht, 45 Jahre alt, trockene Alkoholikerin und Opfer sexueller Gewalt, eine Wirtschaftsprüferin, die jetzt im Büro eines Tierheims arbeitet. Beide sind einsam, sehnen sich nach Trost, nach Geborgenheit.

Sie finden sie, als Meg einen Brief von ihm bekommt. Jon nämlich bietet für eine geringe Summe Frauen an, dass er ihnen nach und nach zwölf Trostbriefe, eine Art Liebesbriefe schreibt, richtige, mit der Hand geschriebene Briefe. Sie müssen nicht antworten, müssen nicht einmal Persönliches von sich preisgeben. Und tatsächlich bekommt er Aufträge, aber er bleibt anonym. Bis Meg, die ihm geantwortet hat, ihm an seinem Postfach auflauert. Und sie sich wahrhaftig kennenlernen.

Seltsame Liebesgeschichten

Die schottische Autorin A.L. Kennedy ist so etwas wie eine Spezialistin für seltsame Liebesgeschichten. Immer wieder erzählt sie von der wahren Liebe, auch und gerade zwischen irgendwie beschädigten Menschen. In „Süßer Ernst“ erzählt sie exakt 24 Stunden aus beider Leben, von 6.42 Uhr am 10. April 2015 bis zum nächsten Morgen. Erzählt abwechselnd aus seiner und ihrer Perspektive, lässt den Leser unmittelbar am Gedankenstrom und ihren Beobachtungen teilhaben, gehetzt und genau. Schildert, wie Jon immer allen helfen will und sich dabei vergisst, während Meg die „Schäden und Lücken“ ihrer Umgebung miterlebt und miterleidet, auch den eigenen Schmerz und ihr Unvermögen, auf andere zuzugehen.

„Süßer Ernst“ ist ein verschachteltes und gebrochenes Buch mit inneren Monologen und gedanklichen Abschweifungen, das Jons und Megs Einstellungen scharf zeichnet und wie sie mit der doch eher bedrohlichen Realität umgehen: „Ich komme klar und ganz gut zurecht“, denkt Meg einmal, es folgt: „Heute war eine Ausnahme.“ Es ist auch ein zarter Roman einer vorsichtigen Annäherung, und natürlich lässt Kennedy das Ende offen: „Ich habe immer noch keine Ahnung, wie ich mich fühle“, sagt Jon. Während die pragmatische Meg einen Weg gefunden hat: „Man machte eine Sache, dann kümmerte man sich um die nächste, und man blieb am Leben.“