Kultur

Literatur regional Wunderhorn verlegt Lyrik aus Syrien

Über den Krieg hinaus

Nachrichten aus Syrien sind seit dem Jahr 2011 besetzt mit den Themen Krieg, IS und der Flüchtlingskrise. Und auch das Wenige, was literarisch nach Europa schwappt, gerät so in den Bannkreis dieser Felder. Der Heidelberger Wunderhorn-Verlag hat nun in seiner Reihe „Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter“ den 30. Band herausgebracht, der sechs syrische Dichter der Gegenwart vorstellt und die literarischen Facetten über die gängige Rezeptionsweise hinaus erweitert.

Einwöchige Übersetzerwerkstatt

In einer einwöchigen Übersetzerwerkstatt im Künstlerhaus Eden- koben kamen die syrischen Dichter mit deutschen Kollegen wie Jan Wagner und Joachim Sartorius zusammen, um die Gedichte ins Deutsche zu übertragen. Der Band versammelt neben den arabischen Originaltexten jeweils verschiedene Übersetzungsvarianten und zeigt so die (Un-)Möglichkeiten literarischer Übersetzung auf, die immer auch eine Neudichtung ist. In seinem Nachwort gibt der in Mannheim lebende Mitherausgeber Mahmoud Hassanein einen Überblick über die Tradition der arabischen Lyrik.

Die Auswahl umfasst etablierte Stimmen sowie Nachwuchslyriker. Die Alltagsthematik, die seit etwa 1967 in der syrischen Lyrik Einzug gehalten hat, ist auch hier wieder zu finden. Lina Atfah, Jahrgang 1989, wirft in ihren Texten dichtungsreflexive Fragen auf, thematisiert das Verhältnis von Bedeutung und Bild und fragt, wo das Gedicht seinen Platz hat. In ihrem Gedicht „Lin und Leila und der Wolf“, das den ermordeten Kindern in Syrien gewidmet ist, stellt sie fest: „kein klagen soll hier sein / denn kindheit ist ja winziger als eine träne / und das gedicht steht lallend nur davor“. Auch in dieser Anthologie ist der Syrien-Konflikt allgegenwärtig, doch die Gedichte erweitern ihren Radius und machen ein Spektrum an Themen und Tönen sichtbar, das dem europäischen Leser sonst oft verborgen bleibt.