Kultur

Literatur regional Reuschs „Anna – Buch der Wörter“

Über die Kostbarkeit der Sprache

Archivartikel

Im Grunde eine unglaublich kluge Idee der Autorin Judith Reusch in ihrem Romanerstling: Ein Kind eignet sich die Welt über einzelne Wörter an, die sie in ein Buch einträgt und wie kostbare, am „Strand gefundene Bernsteine“ aneinanderreiht. Zu jedem dieser Wörter schreibt es eine Erklärung, eine kurze Geschichte, mit denen es versucht, die durchbrochene Ordnung seiner Umwelt wiederherzustellen. Diese Ordnung bedeutet für Ania, so der Name des Mädchens, stabile Bahnen, auf denen sein Alltag dahingleitet.

Der gewohnte Ablauf seines Lebens kommt ziemlich durcheinander, als seine Mutter dem ausgewanderten Vater nach Deutschland folgt. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Ewelina lebt Ania nun bei den Großeltern in einer polnischen Kleinstadt. Und der Leser entdeckt Zusammenhänge einer Zeit, die 35 Jahre zurückliegt: In Polen wird das Kriegsrecht ausgerufen. Das verzögert die Nachreise der Kinder, für die Mutter eine schmerzhafte Situation. Bei den Zurückgebliebenen macht sich ebenfalls eine beklemmende Spannung breit: Die Oma weint oft, Ewelina hämmert wütende Polonaisen in die Tasten des Klaviers, und der Großvater streicht sich unruhig über die Glatze.

Polnisch nützt ihr nichts mehr

Diese Ereignisse spiegeln sich in Anias Wahrnehmung in Wörtern wie „Polizeistunde“ oder „Lebensmittelkarte“ wider. Tapfer notiert sie Ausdrücke, die den „Ausnahmezustand“ festhalten, verpackt ihre Sehnsucht nach der Mutter im Wort „Migräne“ und ihre Freude, bald bei ihr zu sein, in den Begriffen „Omo“ und „Orangen“. Danach soll die neue Heimat duften, doch bietet sie sich nach der Ankunft ganz anders dar. Das Trauma, ihr vertrautes Umfeld verlassen zu haben, sitzt tief in Ania, die nun Anna heißt, keine Einträge mehr in ihr Buch vornimmt und stumm bleibt: Polnisch nützt ihr nichts mehr, Deutsch versteht sie noch nicht.

Meisterhaft dicht entfaltet die 1973 in Polen geborene und 1982 nach Deutschland ausgereiste Verfasserin Judith Reusch autobiografisch geprägte Erlebnisse, erzählt aus verschiedenen Perspektiven von geplatzten Träumen und zart aufkeimender Hoffnung. Zwischen den Kapiteln eingelegt finden sich die Jetztzeit-Reflexionen der Lektorin Thea, der das „Buch der Wörter“ als Manuskript vorliegt. Die Lektüre verändert auch ihr Leben. Zugleich hält der Roman die Bedeutung des Erzählens vor Augen, ist somit eine Hommage an das, was Literatur zu leisten vermag.