Kultur

Das Porträt Jazzer Jörg Achim Keller hat an der Musikhochschule eine neue Professur für Dirigieren und Ensembleleitung übernommen

Überzeugt in Sachen Big-Band

Archivartikel

Über Mangel an Arbeit kann er nicht klagen. Auszug aus Jörg Achim Kellers Terminkalender, Frühjahr 2018: im Februar Gastdirigent bei der Big Band der Hochschule Luzern, um für einen Festivalauftritt Partituren aus eigener Feder einzustudieren. Im März Leiter der Hamburger NDR Big Band bei drei Konzerten mit Musik der Swing-Legende Benny Goodman; dafür hat Keller ausgewählte Stücke aus dessen Repertoire neu orchestriert. Im April Wechsel zur WDR Big Band in Köln: Unter seiner musikalischen Leitung nimmt das Programm zweier Abschiedskonzerte für den langjährigen Band-Pianisten Frank Chastenier Gestalt an.

Gleich danach eilt Jörg Achim Keller nach Mannheim und tritt seinen neuen Job an. An der Mannheimer Musikhochschule übernimmt er die neu geschaffene Professur für Dirigieren und Ensembleleitung im Jazz und verwandten Stilbereichen. Dass er dafür die denkbar beste Wahl darstellt, erweist sich schon wenige Tage später.

Swingende Lässigkeit

Zum ersten Feuerwache-Auftritt des Mannheim Jazz Orchestra, der nun von ihm geführten studentischen Big Band, legt er Original-Arrangements des Orchesters von Count Basie aus den 1950er bis 1970er Jahren auf die Notenpulte. Sie gelten als Inbegriff swingender Lässigkeit, einer grundlegenden Eigenschaft zumindest des traditionellen Jazz. Die dem heutigen Jazz-Nachwuchs freilich eher fremd ist, wie Jörg Achim Keller konstatiert und nach Kräften gegensteuert. Seine Mannheimer Schützlinge jedenfalls liefern, obwohl nur ein Wochenende für die Proben zur Verfügung stand, eine blitzsaubere Vorstellung ab, mit vorbildlich herausgearbeiteten Feinheiten in den Bläsersätzen und einer Rhythmusgruppe, die das „Weniger ist mehr“ des Swing à la Basie strikt befolgt.

Wer das auf Anhieb erreicht, muss wohl selbst in der Tradition des Jazz aufgewachsen sein, um die eigene Begeisterung einer jüngeren Generation überzeugend vermitteln zu können. Beim jungen Jörg Achim Keller hatte dafür der Vater gesorgt, Arzt von Beruf, aber Jazzpianist aus Leidenschaft.

Im Elternhaus in Münster liefen vor allem Platten von Count Basie, Ella Fitzgerald, Frank Sinatra und Oscar Peterson, „da ist der Swing sozusagen vorprogrammiert“. An ihrer Musik hängt heute noch Kellers Herz, er empfindet sie als sein „Heimatterritorium“, auch wenn ihn die moderneren Jazzstile keineswegs kalt lassen. Aus jugendlicher Begeisterung lernte Keller damals Schlagzeug spielen. Zunächst waren es Dixieland-Bands, mit denen er auftrat, später trommelte er zwei „super lehrreiche“ Jahre lang in Wil Saldens europäischer Ausgabe des Glenn-Miller-Orchesters.

Heute nimmt er die Drumsticks nur mehr bei Gelegenheitsauftritten aus Spaß an der Freud’ in die Hand. Denn zu seiner eigentlichen Profession ist das Notenschreiben geworden, das Arrangieren für jazzige Großformationen. Mit großem Erfolg von Anfang an: Noch während er das Metier im holländischen Hilversum studierte, erhielt er regelmäßige Aufträge von keinem Geringeren als Peter Herbolzheimer.

Breites musikalisches Spektrum

Für Jörg Achim Keller war es der Einstieg in eine Karriere als viel gefragter Arrangeur in einem breit angelegten musikalischen Spektrum, das von Soundtracks für Film und Fernsehen bis zur Zusammenarbeit mit Popvokalisten wie Udo Jürgens oder Nana Mouskouri reicht. In seiner Zeit als Chefdirigent der Rundfunk-Big-Bands von hr und NDR ist zudem eine lange Reihe höchst ambitionierter Jazz-Projekte entstanden, konzipiert zumeist für Weltklasse-Gastsolisten aus den USA.

Mehr als 2500 Arrangements hat der „mindestens acht Stunden pro Tag“ arbeitende Jörg Achim Keller bisher verfasst. Dennoch gerät er nach wie vor ins Schwärmen, wenn er Partituren seiner Vorbilder Bill Holman, Thad Jones oder Bob Brookmeyer auf dem Pult liegen hat: „Weil die musikalische Substanz so zwingend ist, jeder Ton da hingehört, wo er ist. Da ist nichts verschenkt, da ist nichts zuviel.“

Den Sinn dafür schärfen wird er seinen Mannheimer Jazz-Studierenden mit viel Einfühlungsvermögen, aber auch allem Nachdruck. Und da Kellers Dirigier-Professur nur eine halbe Planstelle beansprucht, wird ihm auch weiterhin Zeit bleiben, selbst Orchesterarrangements aller Art zu schreiben. Die Nachfrage ist ungebrochen: „Glücklicher Weise ist der Kalender irgendwie immer voll.“