Kultur

Rock Jennifer Rostock gastiert im Mannheimer Maimarktclub

Abschied mit hartem Klang

Mannheim.Abschiede sind ein hartes Brot. Dass sich ein Fan beim Best Of-Konzert der Band Jennifer Rostock im ausverkauften Maimarktclub zu einem lauten „Lasst den Scheiß!“ hinreißen lässt, mag da kaum verwundern – es bleibt aber dabei, dass sich die fünf Musiker, die eine Szene zwischen Punk und Alternative, wilder Revolte und geschliffener Gesellschaftskritik über ein Jahrzehnt lang bisweilen an den Siedepunkt führten, nun in einem Exil anderer Projekte neu zu erfinden suchen.

Auch dieser Abend vor 3000 treuen Fans ist ein Markenzeichen der Furchtlosigkeit, die Jennifer Rostock seit 2007 stets auszeichnete und in 130 Minuten jetzt erneut hart formuliert. Denn gewiss zeichnen auch das zarte „Irgendwo anders“ und die melancholische Nummer „Ich kann nicht mehr“ den Kondensstreifen der eigenen Geschichte vorsichtig nach – und sie sind die Kontur jener nimmersatten Mixtur aus melodischer Willenlosigkeit und Ekstase. Visuell und akustisch kannten die Tourneeprogramme dabei kein Limit, wohl aber einen Namen: Jennifer Weist.

Satte Bassgewitter

Sie verstand sich stets ganz herrlich darauf, die satten Bassgewitter von Christoph Deckert ebenso stimmmächtig wie lasziv zu unterzeichnen und doch kaum je zu überreizen. Ihre Provokation zwischen schrillem Schrei und greller Erotik war nie nur Bühnenkosmetik, sondern Philosophie einer Wir-dürfen-alles-Haltung. Dass sich das Quintett aus Usedom im Lichtgewitter tatsächlich auf nahezu alles versteht, darf man als Einlösung eines allgemeinen Grundsatzes verstehen.

Weggefährte Nico Webers setzt bei der Wut-Nummer „Es war nicht alles schlecht“ eine starke Wegmarke, „Ein Schmerz und eine Kehle“ driftet in Joe Walters schier endlosem Piano-Meer in die Untiefen des Dubstep, und die „Hengstin“ wird zum Breakdance-gerahmten Plädoyer weiblicher Wucht. Es ist erneut ein bemerkenswertes Wechselspiel zwischen Kopf und Fleisch zu erleben; im einen Augenblick zeigt Jennifer Weist das Konservative in den Köpfen als neuen Faschismus, um sich dann zu „Alles cool“ im Himmelbett räkelnd durch die Menge fahren zu lassen. Und so zeigt sich erneut, wie sich die Musik von Jennifer Rostock in zehn Jahren zum Versprechen auf Mehr entwickelte, auf das Verlass war. Dass dieses Versprechen nun zeitweilig auf Eis liegt, ist auch ein gutes Zeichen. Ein Wiedersehen sollte man herbeisehnen. mer

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