Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Alles gut zum 60.?

Archivartikel

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

mein Coronatagebuch wird heute tatsächlich sechzig. Ich habe mich anfangs nicht einmal gefragt, wie lange das mit Covid-19 gehen wird. Ich dachte, wird schon, geht weg! Jetzt heißt es: Die nächsten zwei Jahre bleibt es vielleicht. Es regnet, während ich schreibe. Solche Tage schenken mir die Gabe des Schwarzsehens. Das Leben fehlt mir. Es fehlt, und ich frage mich, was ist das eigentlich, das Leben? Wie schnell haben wir Leben weggekürzt! Ohne welche Dinge können wir wirklich nicht und was heißt das?


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In den runden Zahlen erlaube ich mir gerne tagebuchartigere Coronatagebücher. Am Montag habe ich mir ein wunderschönes Notizbuch im Buchladen gekauft. Ja, ich konnte Wochen ohne Buchhandlungen leben. Doch jedes Mal, wenn ich einen Buchladen betrete, fühlte es sich an wie früher, als Kind, wenn ich die Eisdiele betrat. Ich liebe es, neben dem Buch, das ich suche, immer auch Bücher zu finden, auf die ich nie gekommen wäre. Ich kann also ohne Buchhandlungen leben - doch wie viel mehr bin ich mit ihnen?

Am Montag las ich ein Interview mit Boris Cyrulnik über Covid-19. Cyrulnik ist ein französischer Holocaust-Überlebender, Neurologe und Ethnologe. Einer, der als kleiner Junge überlebt hat, wie deutsche Besatzer ihn mit anderen Juden in eine Synagoge pferchten. Seine Eltern starben in Konzentrationslagern. Als Erwachsener forscht er später über Resilienz und bejaht das Leben, indem er den Umgang mit Schmerz bejaht. Nicht die Verneinung des Schmerzhaften macht glücklich, sondern die Gabe, eine Geschichte zu erzählen, die den Schmerz einschließt. Dieser Mann, der so vieles überstanden hat, meint nun, Menschen würden nach Covid-19 völlig orientierungslos sein. Die Zeitung titelt dramatisch: „Die Jugend wird die nächsten zwanzig, dreißig Jahre ruiniert sein.“ Vermutlich hätten das die Älteren dem jungen Cyrulnik von damals auch gesagt, aber er hat den Schmerz überlebt und das Leben bejaht.

Es liegt ein merkwürdiger Schmerz über dieser Zeit. Cyrulnik sieht auch schwarz, denke ich, doch warum wirken derzeit viele so müde, warum sehen die Gesichter bleierner aus als sonst? Leben bejahen heißt, laut Cyrulnik, dem Schmerz seinen Platz zu geben, statt vor ihm davonzulaufen. Vielleicht kann man ja mit ihm davonlaufen? Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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