Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Alles richtig gemacht, oder?

Archivartikel

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

einige meinen, man sei zu nett zur Regierung, wenn man die Schutzmaßnahmen der letzten Wochen für richtig hält. Als wäre ein kritischer Geist aus Prinzip nur in der Opposition. Die harten Maßnahmen schmerzen jeden, sicher. Die Folgen für die Wirtschaft sind nicht absehbar, das macht Angst, ja. Kritik ist unentbehrlich: Man muss den Eingriff in die Grundrechte anprangern, selbstredend sollte jedem Staat ein Riegel vorgeschoben wird, wo er den transparenten Bürger schaffen möchte, so, wie man Gesundheitsminister Jens Spahn eines seiner Lieblingskinder, den Immunitätsausweis, aus dem Gesetzesentwurf nehmen musste.


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Doch ob eine Regierung die Krise verantwortungsvoll steuert oder nicht, kann im Moment nur über den internationalen Vergleich entschieden werden und nicht über die mehr oder minder professionelle Meinungsvielfalt über die Gefährlichkeit des Virus. Ich beurteile diese Regierung also anhand der Zahl der Menschenleben, die sie retten konnte. In Schweden kommen auf 100 000 Einwohner fast 34 Tote. In Deutschland sind es knapp neun.

Die Folgen einer Infektion sind zudem noch nicht ganz klar. Allein die neuen Erkenntnisse dieser Woche: Covid-19 ist nicht nur eine Lungenerkrankung, sondern ein Multiorganvirus. Das deckt sich mit dem, was ich von behandelnden Ärzten seit Wochen höre. Insbesondere Nieren, aber auch Herz, Leber etc. werden geschädigt. Solange man nicht mehr über das Virus weiß, ist die Herdenimmunität ein Projekt, dessen Folgen eine Regierung nicht abschätzen kann. In New York fällt derzeit eine geringe, jedoch wachsende Zahl ungewöhnlicher Entzündungsverläufe bei Kindern auf, die mit Covid-19 zusammenhängen könnten, dabei hieß es, Kinder seien sicher. Die WHO rechnet inzwischen so: Das Coronavirus wird, ähnlich wie HIV, bleiben.

In Anbetracht solcher Ungewissheiten ist ein Krisenmanagement schwer zu beurteilen. In den USA korrigieren sie stetig die prognostizierten Todeszahlen nach oben, da Trumps Maßnahmen nicht wirken, während China, Spanien und Italien über das Gröbste hinaus zu sein scheinen. Auch weil sie einen harten Lockdown hatten. Der deutsche war nicht annähernd so hart und doch haben wir mit die wenigsten Opfer. Vergleicht man die Lage mit anderen Ländern, so hat Deutschland vieles richtig gemacht.

Jagoda Marinic

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