Kultur

Filmschätze Nun digitalisierte private Aufnahmen zeigen die Einweihung der Mannheimer Fußgängerzone im April 1975

Als die Planken frei von Autos wurden

Archivartikel

Es war damals „Das ganz große Ereignis“, wie ein – von Hand gemaltes – Plakat am Kaufhaus Hertie verkündet: Die Eröffnung der Fußgängerzone in den Planken vom Friedrichsring bis zum Paradeplatz am 3. April 1975. Dank einer privaten Leihgabe von Karlheinz Lohmann und der Digitalisierung durch das Marchivum zählen die Aufnahmen davon nun zu den Filmschätzen, die der Nachwelt erhalten bleiben werden.

Es ist ein Film ohne Ton, nur mit Musik unterlegt. Aber er zeigt, wie die Mannheimer – nach nur einjähriger Bauzeit! – stolz und auch ein bisschen verwundert reagieren, dass die Autos nun aus ihrer Hauptverkehrsstraße verbannt sind, sie hier einfach nur flanieren können. Und so sieht man viele Menschen in der damaligen Mode – breite Schlaghosen, Sakkos mit breiten Aufschlagkrägen. Und die Männer tragen viel öfter Hut als heute.

Am großen Kaufhaus Hertie in E 1 – 1996 sind da die Lichter endgültig ausgegangen – hängt das riesige Schild zur Einweihung. „Wer fängt ihn – den goldenen Ball“ kündigt es einen Wettbewerb an. Erster Preis: eine Hertie-Reise.

Zur Feier des Tages gehört damals auch ein bisschen Exotik: Indianer und Trapper haben ihr Lager am Paradeplatz – im Hintergrund sieht man das noch unbebaute, als Parkplatz dienende Quadrat N 1 – aufgeschlagen. Sie kommen vom inzwischen auf der Maulbeerinsel ansässigen Indian Osagen Club Mannheim, der schon seit den 1950er Jahren die Geschichte und Lebensweise der nordamerikanischen Ureinwohner pflegt.

Der Film zeigt die damals neuen, zuletzt unansehnlichen und abgeräumten hölzernen Pflanzkübel, dazu mehrere für das Fest aufgestellte Imbiss-Buden. Bei D 1 steht ein großer, überdimensionaler Wikinger-Helm – ein Ausschank-Stand der Eichbaum-Brauerei für das damals noch recht neue, erst 1969 eingeführte Premiumpils „Ureich“. Gegenüber erkennt man einen Henninger-Stand, doch diese Brauerei ist längst Geschichte.

Das gilt ebenso für viele Läden entlang der Planken. Wehmütig sieht man die Straßenbahn-Werbung von Teppich Engelhardt wie auch sein Haus mit der charakteristischen, an Webkunst erinnernden und denkmalgeschützten Metallfassade von dem Ludwigshafener Maler und Bildhauer Ernst W. Kuntz. Engelhardt betreibt dort lange auch ein Straßencafé – heute normal, aber seinerzeit etwas ganz Neues, etwas Besonderes. Seit 2001 wird hier endgültig keine kostbare Auslegware aus dem Orient mehr verkauft. Damals aber ist es eine der ersten Adressen Mannheims.

Bundesgartenschau als Anlass

Zur feierlichen Eröffnung der Planken hängen überall Fahnen in den Stadtfarben, an Plakatsäulen kann man aber auch Wahlplakate entdecken – schließlich sind am 20. April 1975 Kommunalwahlen. Wenige Tage zuvor, am 18. April 1975, wird die Bundesgartenschau eröffnet. Sie ist der Anlass, aus der Achse – die offiziell seit dem 18. Jahrhundert „Heidelberger Straße“ heißt – die Autos zu verbannen. Die erste Idee für eine Fußgängerzone kommt zwar schon gleich nach dem Zweiten Weltkrieg, 1948, auf – damals von dem Mannheimer Architekturbüro Lange/Mitzlaff formuliert.

Doch das wird schnell verworfen, man plant lieber die autogerechte Stadt und will den Verkehr direkt im Herzen der City haben. Auch als die Idee 1962 erneut diskutiert wird, ist sie nicht mehrheitsfähig. Erst im Vorfeld des sommerlangen Blütenfests, das der gesamten Stadt eine Aufwertung bringt, entschließt man sich, die Pläne umzusetzen.

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