Kultur

Literatur im Schloss Hinreißender Lyrikabend mit Büchner-Preisträger Jan Wagner im Bad Mergentheimer Deutschordensschloss

Als würde es die Schädeldecke abheben

So stellt man sich doch den gut geratenen Enkel vor: smart gekleidet, weit gereist, extrem belesen, ein hervorragender Vorleser.

Und als eine betagte, von weit her angereiste Dame aus dem Publikum sich das Gedicht über einen Teebeutel wünscht, kommt er diesem Ansinnen höflich und gerne nach: Jan Wagner, Literat, Lyriker und Träger des wichtigesten deutschen Literaturpreises, las im Bad Mergentheimer Deutschordensschloss vor einem begeisterten Publikum. Eine prallvolle, spannende und humorvolle Deutschstunde „plus“ sozusagen. Und eine Renaissance der undogmatischen Lyrik zum Miterleben.

Mit Lokalkolorit

Jan Wagner scheint auch pointierte Prosa förmlich aus dem Handgelenk zu schütteln. Sein jüngster Band „Der verschlossene Raum“ beweist es – sogar mit ein wenig tauberfränkischem Lokalkolorit. In seiner dort abgedruckten Dankesrede zum Mörikepreis (Wagner wurde 2015 damit ausgezeichnet) kommt der Lyriker auch auf Mergentheim und Wermutshausen zu sprechen – diebekannten Nord-Orte des dichtenden Pfarrers.

Schon als 14-Jähriger, erzählt Wagner, habe ihn Mörikes Mozart-Reise begeistert. Vor allem holt er Mörike aus der Rezeptionsecke als biederer Idylliker: „Er hat eine sehr dunkle Seite. Nichts ist zu gering für ihn – alles kann für ihn zu einem Gedicht werden.“

Moderatorin Beatrice Faßbender sorgt in Lesung und Gespräch mit Wagner charmant für den roten Faden. Ganz so locker, wie sie am Ende erscheint, entsteht Lyrik nicht, erklärt Jan Wagner auf Nachfrage. Oft gebe es zwar einen ersten Impuls, eine Idee als Geschenk an den Autor, doch dann müsse in Form und Bildern gearbeitet, das Gedicht erarbeitet werden.

„Was ist ein Gedicht?“, fragt Faßbender. Es müsse sich am Ende anfühlen, „als würde es mir die Schädeldecke abheben“, paraphrasiert Wagner die große amerikanische Dichterin des Nicht-zu-Beschreibenden, Emily Dickinson (1830 – 1986).

Es geht also stets um einen Aha-Moment, eine Epiphanie, ein Satori vielleicht, wie es der japanische Zen beschreibt – eine plötzliche Wendung und Erkenntnis. Oder, weniger religiös als literarisch formuliert: „In zwei, drei Zeilen kommt alles zusammen. Auf engstem sprachlichen Raum das Maximum“, sagt Jan Wagner.

„Der größte Dichter kennt nichts Kleinliches, Nebensächliches“, lässt Wagner den berühmten amerikanischen Lyriker Walt Whitman (1819 - 1892) sagen – der Dichtung nicht als etwas romantisch Abgehobenes auffasste, sondern sie in den gewöhnlichen Verhältnissen des Alltags angesiedelt hat.

Ein paradoxes Spiel

Gleichzeitig ist die Arbeit am Gedicht auch ein Spiel. Ein paradoxes sogar, wenn Jan Wagner historische europäische Dichtung in moderne deutsche Sprache überträgt.

Im englischen Sprachraum zum Beispiel gehe man dabei lockerer zu Werke, weiß Wagner, der u.a. am Trinity College in Dublin studiert hat. Man suche nach neuen Bildern und zeitgemäßem Sprachwitz. Jan Wagner gibt in Bad Mergentheim unter viel Gelächter und Applaus einige seiner Übertragungen zum Besten. „Man kann sich Freiheiten nehmen, solange man die Musik berücksichtigt, sie in den Mittelpunkt stellt“, hält er fest. Das Paradoxon: „Ich glaube, dass man dabei sehr treu sein muss. Und gleichzeitig untreu.“

Jan Wagner hat sich von allen Paradigmen, quasi-politischen Anforderungen an moderne Lyrik, freigeschwommen. Oder andersherum: Er hatte sich wohl darin nie festgeschwommen. „Kleingartenpoesie“ hat man Wagner deshalb vorgeworfen – die Lyrik scheint (zumindest unter dem Blickwinkel mancher Literaturkritik-„Anforderungen“) ein vermintes Feld.

Große Themen im Kleinen

Dem erfolgreichen Dichter ist’s einerlei. Er spielt in und mit traditionellen Formen wie Sonett und Sestine, brilliert herzerfrischend vor seinem Publikum mit einem japanisch-deutschen Haiku und erklärt auch noch griffig, wie die Gedichtform funktioniert.

„Formen haben für mich einen spielerischen Reiz“, sagt Wagner – und in die hinein verarbeitet er formschlüssig oft scheinbar Banales wie den genannten Teebeutel, Unkraut und Gemüse. Große Themen können im Kleinen sinnlich erfahrbar werden. „Das zu entdecken – das machen die Dichter.“

Ob’s auch noch ein Vergnügen ist, fragt Beatrice Faßbender. „Sehr“, antwortet Wagner, „ich liebe Reimspiele. Und die so zu benutzen, dass man sie möglichst nicht bemerkt.“ Irgendwie dichtet „es“ auch von selbst. „Das ist das Schönste, wenn man überrascht wird vom eigenen Gedicht.“