Kultur

Musiktheater Georg Caspar Schürmann komponierte „Die getreue Alceste“ vor 300 Jahren – nun eröffnet sie das Musikfest „Winter in Schwetzingen“

Altes Werk in neuem Glanz

Ein Porträt von Georg Caspar Schürmann wurde erst 2005 entdeckt. Es ist das einzige erhaltene Gemälde und zeigt einen typischen Perückenträger seiner Zeit: des frühen 18. Jahrhunderts. Seine individuellen Züge treten darauf eher in den Hintergrund. Tatsächlich wurde Schürmann auch als Komponist des norddeutschen Barocks fast vollständig vergessen. Aber „Die getreue Alceste“ war damals ein echter Kassenschlager, nicht allein in Braunschweig, ihrer Uraufführungsstadt. In Hamburg, wo das alte, schon seit langem nicht mehr existente Opernhaus am Gänsemarkt, als Vorstufe zur Elbphilharmonie, 2000 (!) Sitzplätze besaß, zählte man 42 Aufführungen. Höchste Zeit also, diese „Alceste“ wieder auszugraben.

Das Theater der Stadt Heidelberg, Veranstalter des kleinen Festivals „Winter in Schwetzingen“, hat Schürmanns Werk zu diesem Zweck eine Entschlackungskur verpasst. In Hamburg konnte es mit eingelegten italienischen Bravourarien (häufig aus fremder Hand) sechs Stunden dauern. Ein gewisser Richard Wagner sieht da nur noch wie ein Mittelstreckenläufer aus.

Im Rokokotheater wird das Stück auf seinen Kern verdichtet. Schürmann pflege einen frühen „deutschen Nationalstil“, findet Thomas Böckstiegel, der Heidelberger Dramaturg. Und Johann Ulrich König, Textdichter für Schürmann, habe ein ambitioniert poetisches Libretto vorgelegt. Der deutsche Kern der Sache wurde für das Schwetzinger Projekt freilich noch einmal reduziert, von griechisch-mythologischem Ballast befreit. Beim alten Götterpersonal wurde ein eklatanter Stellenabbau vorgenommen.

Entführung einer Schönheit

Regisseur Jan Eßinger möchte die griechische Tragödie durch das menschliche Gefühlsdrama ersetzt wissen, wie er uns im Programmheft mitteilt. Durch Konflikte in Beziehungen, wie sie uns heute noch bekannt vorkommen. Seine Inszenierung nimmt deswegen in einer modernen Wellness-Zone (oder -Hölle) ihren Anfang – auch wenn offenkundig mehr an einen Rückzugsort der High Society der 1960er erinnert werden soll. In einem dieser Liegestühle, auf den jetzt Alceste hingegossen ist (die gleichfalls ziemlich attraktive Sophie Junker), könnte früher Audrey Hepburn Hof gehalten haben. Doch die Schöne wird entführt und kommt auf eine windzerzauste Insel, es ist eine raue Urlandschaft, in der gleich Dinosaurier um die Ecke biegen könnten. Bühnenbildnerin Benita Roth hat gute Einfälle, auch für das später kurz besuchte Reich der Toten, wo der Kahn des Fährmanns Charon schräg im Niemandsland vertäut ist. Zwischen Welt und Unterwelt. Dann singt Lars Conrad (er gibt Charon) eine Buffo-Arie. Vielleicht ist die Unterwelt ja doch die beste Wellness-Zone.

Starke Frauenfiguren

Aber nein: Alceste, die sich vorher rückhaltlos für ihn geopfert hat, will doch lieber zurück zu ihrem angebeteten Admetus. Starke Frauen gibt es auch noch andere: Cephise, eine freigeistige, auch in Partnerschaften schon flexible Dame (von Emmanuelle de Negri dargestellt), und Hyppolite, von „romantisch“ wilder Leidenschaft geplagt (Elisabeth Breuer). Diese Unterschiede möchte die Regie herausarbeiten, was zum Teil noch deutlicher gelingen könnte.

Dafür wird in den zentralen Rollen exzellent gesungen: Sophie Junker als Alceste punktet mit betörend eleganten Zierton-Strecken und „instrumentalem“ Höhen-Glitzern, Counter Rupert Enticknap – ein Brite – als Admetus meistert die enorme Spannweite seiner Partie schier mühelos. Ipca Ramanovic als Hercules fällt etwas ab. Er ist ein Held mit manchmal stumpfen Waffen, seinen tiefen Tönen fehlt es oft an Resonanz.

Dafür beweist Christina Pluhar, mit ihrem Ensemble L’Arpeggiata eine Meisterin barocker Häppchenkost, dass sie auch auf der Langstrecke bestehen kann. Sie inspiriert das Philharmonische Orchester Heidelberg zum Powerplay: mit trockenen, doch prallen, körperhaften Streichern und mit scharfen Bläsern. Aber auch mit kammermusikalischen Preziosen, etwa bei der Trauerarie „Gute Nacht, ihr schönsten Blicke“. Nicht nur sie beweist, dass Schürmann ein Comeback verdient hat.

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