Kultur

Schauspiel Hans Falladas Roman „Kleiner Mann – was nun?“ als Bühnenfassung im Mannheimer Nationaltheater

Am Abgrund des Lebens

Archivartikel

Eine moderne Liebesgeschichte. Fast zu schön, um wahr zu sein. Der Angestellte Johannes Pinneberg hat in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten seine Freundin „Lämmchen“ geheiratet, weil sie ein Kind von ihm erwartet. Nun versuchen beide ihr privates Glück gegen eine Umgebung zu sichern, die alles andere als erfreulich ist. Denn wir befinden uns in der Spätzeit der Weimarer Republik. Wer noch Arbeit hat, muss ständig um seinen Job fürchten und sich demütig jenen unterwerfen, die darüber entscheiden, ob man ihn behält oder verliert.

Als Falladas Roman 1932 erschien, traf er den Nerv seiner Zeit. Er beschrieb die Sorgen und Ängste all jener Menschen, die oft um ihr tägliches Brot verzweifelt kämpfen mussten. Daran hat sich offenbar wenig geändert. Jedenfalls sieht Volker Lösch, der gemeinsam mit Christoph Lepschy eine Bühnenfassung des Fallada-Textes erarbeitete und für das Mannheimer Nationaltheater inszenierte, genügend Parallelen zu jenen krisengeschüttelten Jahren. Den Beweis dafür liefert er auf Videoscreens. Mannheimer Bürgerinnen und Bürger, alles Geringverdiener, beklagen dort ihre prekären Arbeits- und Lebensumstände.

Plakative Aufführung

Das berührt, selbst wenn man begreift, dass Lösch die Vorlage hauptsächlich benutzt, um heutige soziale Missstände anzuprangern. Legitim ist das allemal, aber leider entsteht dabei eine plakative Aufführung mit schnell und böse hinchargierten Szenen, mehr den Typen als den Menschen verpflichtet. Es ist kein wirkliches Leben zwischen den Sätzen und den Figuren.

Zwar herrscht in den schmalen Plexiglas-Korridoren, die Carola Reuther auf verschiedenen Ebenen vor die riesige Video-Leinwand hat montieren lassen, viel Bewegung, doch Leerläufe sind ebenso wenig zu übersehen wie oft künstlich überanstrengte Schauspielerei. Immerhin erhalten uns Celina Rongen (Lämmchen) und Benjamin Pauquet (Pinneberg) einige der Wärmezonen Falladas und damit andeutungsweise eine Liebe in gefühlskalten Zeiten.

Sie, eine sympathische Robuste, hat fest im Griff, was ihn, den stets abgehetzten Mann eher umwirft: das Leben. Ragna Pitoll, stark als Abteilungsleiter Jänecke im Kaufhaus Mandel, spielt auch Pinnebergs Mutter Mia, die rasch hysterisch reagierende Inhaberin eines zwielichtigen Etablissements, in dem Reinhard Mahlberg als Liebhaber und Gönner Jachmann zeigt, dass man zu den wichtigen Dingen des Lebens nur als alkoholisierter Komödiant Distanz gewinnen kann. Amelle Schwerk, ebenfalls in mehreren Rollen zu sehen, liefert von den rabiaten Auftritten des „Oberaufsehers“ Spannfuß eine erschreckend mitleidslose Einzelaufnahme und stattet Heilbutt, den Anhänger der Freikörperkultur und Kollegen Pinnebergs, mit einer wohltuenden Freundlichkeit aus.

Das Wir-Gefühl stärken

Am Ende bleibt die verständliche Sehnsucht nach einer gerechteren Welt. Celina Rongen hält zum Schluss als Kurierfahrerin einen Vortrag über Solidarität und die dazu notwendigen politischen Aktionen.

Man müsse das Wir-Gefühl stärken, meint sie, um so die Verlierer des kapitalistischen Systems vor dem sozialen Abstieg zu schützen. „Revolution“, sagen Mannheims Bürger auf den Bildwänden und heben den Arm mit der geschlossenen Faust. Fallada ist das nicht. Obwohl Lämmchen gestanden hat, bei der nächsten Wahl für die Kommunisten zu stimmen. Man kann über solche Schwarz-Weiß-Zeichnungen (hier die Armen, dort die Reichen) lächeln, weil da noch immer einer glaubt, die Welt verändern zu können. Jedenfalls wissen wir nach zwei Stunden nicht viel mehr als zuvor, begreifen die Ursachen unsere Defizite aber vielleicht gründlicher.