Kultur

Geburtstag Der Historiker und Friedenspreis-Träger Saul Friedländer wird heute 85 Jahre alt

Am Ende soll doch Schönheit stehen

"Die Wahl in Deutschland (...) ist ein Schock für mich", sagt der Holocaust-Experte Saul Friedländer, während er weit entfernt in Los Angeles in seinem Haus sitzt. "Aber noch schlimmer als die Lage in Deutschland selbst ist das Phänomen, eine Art Rückschlag von populistischen ultra-rechts stehenden Parteien in Europa" - und den USA. Bei der Bundestagswahl hatte die Alternative für Deutschland (AfD) 12,6 Prozent der Stimmen geholt.

Friedländer hat den Holocaust überlebt - und sich ein Leben lang damit beschäftigt, emotional und wissenschaftlich. Heute wird der Historiker 85 Jahre alt. Er wurde 1932 in Prag als Kind deutschsprachiger Juden geboren. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht floh er 1939 mit seiner Familie nach Frankreich. Seine Eltern versteckten ihn in einem katholischen Internat, bevor sie in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Friedländers Eltern hatten zuvor einer Taufe ihres Sohnes zum Christentum zugestimmt. Langsam fand er zurück zur ursprünglichen Identität, mit der Gründung des Staates Israel 1948 wanderte er dorthin aus.

Mehrfach ausgezeichnet

Als Hauptgrund für das starke Abschneiden der AfD sieht Friedländer vor allem die Flüchtlingskrise. Dabei gehe es um tief verwurzelten Fremden- und Außenseiterhass, sagt er auf Deutsch. Dies sei wie in den USA. "Und dazu kommt noch die nicht ganz falsche Furcht vorm Terrorismus." Aber es habe unterschwellig immer noch ein rechtspopulistisches Gedankengut gegeben.

Als Friedländers bekannteste Arbeit gilt das Standardwerk "Das Dritte Reich und die Juden". Er vertritt die These, dass die Absicht der Nationalsozialisten zur Vernichtung der Juden nicht mit Beginn des Zweiten Weltkriegs, sondern erst von Herbst 1941 an in den Vordergrund trat. Im Zuge des Krieges gegen Sowjetrussland sei man von einer Politik der Vertreibung zu einer Politik der Vernichtung übergegangen.

Für seine Werke erhielt Friedländer unter anderem 2007 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Aktuell arbeitet der emeritierte Geschichtsprofessor an einem Buch über den französischen Schriftsteller Marcel Proust. "Ein Freund fragte mich: Warum Proust?", erzählt er. "Meine Antwort war: Um in einer Welt der Schönheit zu enden und nicht mit diesen schrecklichen Themen, mit denen ich mich mein ganzes Leben befasst habe." dpa