Kultur

Gedenktag Nach einem unruhigen Leben starb vor 150 Jahren in Paris der Musik-Revolutionär Hector Berlioz

Am Mischpult der Gefühle

Archivartikel

Er muss anstrengend gewesen sein, ein überdrehter Wirr- und Querkopf, der einem leicht auf die Nerven gehen konnte. Jedenfalls behauptet das Felix Mendelssohn Bartholdy, der Hector Berlioz 1832 in Rom traf. Ein Stipendium hatte den Franzosen, der 1869, vor 150 Jahren starb, in die Ewige Stadt verschlagen. Und so nutzten beide Komponisten die Gelegenheit, sich über Fragen der Kunst auszutauschen. Anscheinend ein recht einseitiges Vergnügen, denn in einem Brief beklagte Mendelssohn dessen Affektiertheit, seinen nach „außen gekehrten Enthusiasmus“ und die „den Damen präsentierte Verzweiflung“.

Der 1903 geborene Berlioz, Sohn eines Landarztes, begeistert sich früh für Musik. Um ihm irgendwelche Flausen auszutreiben, schickt ihn sein Vater zum Medizinstudium nach Paris. Dort hört er Glucks Oper „Iphigenie“ und beschließt, sich nicht weiterhin mit Anatomie zu beschäftigen, sondern Komponist zu werden. Prompt stellt der Vater die Zahlungen ein, und die Mutter, eine strenge Katholikin, verstößt ihn.

Jetzt beginnt für den jungen Mann eine harte Zeit. Zur Linderung seiner finanziellen Not verdient er sich als Theater-Chorist etwas Geld und besucht nebenbei das „Conservatoire“. Doch der akademische Drill stößt ihn ab. Zähneknirschend kehrt er zurück, weil er sich am Wettbewerb um den „Rompreis“ beteiligen will. Mit ihm, den er 1830 erhält, sind drei Studienjahre in Italien verbunden.

Geldmangel ständiger Begleiter

Geldmangel, der ihn 1847 bis nach St. Petersburg treiben wird, bleibt sein zuverlässiger Begleiter. Auch als Bibliothekar am Konservatorium bekommt er so wenig, dass er, um sich eine zusätzliche Geldquelle zu erschließen, Feuilletons über das Pariser Musikleben schreibt. Brillant und geistreich formuliert, begründen sie seinen journalistischen Ruhm, der rasch den seines kompositorischen Schaffens übertrifft. Vor allem in der französischen Hauptstadt. Dort feiert man eher Meyerbeer und Wagner als einen Musiker namens Berlioz, der mit traditionellen Harmonievorstellungen und Orchesterfarben nicht selten radikal experimentiert.

Bereits in seiner 1830 entstandenen „Symphonie fantastique“ hat er sich als kompositorischer Allesverwerter erwiesen, der begierig literarische und musikalische Einflüsse oder persönliche Erlebnisse aufsaugt und auf höchst ungewöhnliche Weise zusammenführt. Hier, in dieser „Episode aus dem Leben eines Künstlers“, wie der Untertitel lautet, taucht lange vor Wagners Leitmotiven die „Idée fixe“ auf, wird eine vitale Unmittelbarkeit beschworen, die Musik auf persönliche Befindlichkeiten zuschneidet.

Der Komponist am Mischpult der Gefühle. Ob Hexensabbat oder leidenschaftliche Rauschzustände – bei Berlioz tobt sich das Leben in all seinen widersprüchlichen Facetten gründlich aus. Das erschreckt viele.

Das geht nicht allein dem Kollegen Mendelssohn so. Er, der Klassizist, spricht von einer „entsetzlich schmutzigen“ und „durcheinander geschmierten“ Instrumentation. Man müsse sich die Hände waschen, wenn man eine Partitur von Berlioz angefasst habe.

Doch nicht nur in seinen von literarischen Programmen inspirierten Orchesterwerken, zu denen unter anderem „Harold in Italien“ sowie „Romeo und Julia“ gehören, hat er revolutionär Kühnes gewagt, auch in seinen Opern „Die Trojaner“, „Benvenuto Cellini“, „Béatrice und Bénédict“ oder der dramatischen Legende „Fausts Verdammnis“ zeigt er sich als Vorläufer und Anreger, der konsequent mit Traditionen bricht, um Musik, emotional aufgeladen, aus ihrer formalen Zwangsjacke zu befreien. In Deutschland, „wo die Begeisterung noch lebt“, fand er mehr Anerkennung als in Paris, wo dieses rastlose, unruhige Leben schließlich endete.