Kultur

Pop Folkrock-Altmeister Don McLean überzeugt in Heilbronn gesanglich und bei Ausflügen in die Musikgeschichte

„American Pie“ als Sahnestück

Archivartikel

Rocklegende – die Schublade ist zu groß für Don McLean. Aber der 73-jährige Sänger und Songschreiber hat 1971 mit „American Pie“ ein legendäres Lied verfasst, das der US-Musikverband RIAA zu den fünf größten des 20. Jahrhunderts zählt – nach Judy Garlands „Over The Rainbow“, Bing Crosbys „White Christmas“, Woody Guthries „This Land Is Your Land“ und der „Respect“-Version von Aretha Franklin. Als McLean beschloss, das Manuskript zu versteigern, fiel der Hammer 2015 im Auktionshaus Christie’s bei 1,2 Millionen Dollar. Das Lied allein ist Grund genug, zur Deutschland-Tour des Folkrock-Altmeisters zu pilgern, die gestern Abend in der ausverkauften Berliner Passionskirche zu Ende ging.

Schließlich hat sich McLean in Deutschland äußerst rar gemacht, wie er beim Auftritt in Heilbronn selbst betont. Den fünf Konzerten in diesem Oktober stehen über Jahrzehnte verteilte, eher vereinzelte Termine gegenüber. Da mutet es erstaunlich an, dass sich in der Festhalle Harmonie nur 400 – umso begeistertere – Zuschauer einfinden.

Auch das Konzert läuft fast ein wenig skurril ab: Nach dem trotz Klangproblemen starken Vorprogramm mit Countrysänger Jarrod Dickenson und seiner Frau Claire begann Don McLean mit munterem Rock ’n’ Roll: Marty Robbins „Singing The Blues“ und „Everyday“ von Buddy Holly. Letzterer zählt zu den drei prominenten Opfern eines Flugzeugabsturzes im Jahr 1959, dem in „American Pie“ mit der Zeile „the day the music died“ (der Tag, an dem die Musik starb) ein Denkmal gesetzt wird. Danach klingt McLeans Akustikgitarre zunehmend verstimmt, so dass man sich einen Gitarrentechniker auf die Bühne wünscht. Gleichzeitig keimt der Verdacht, dass der schon am Schlagzeug aushilft – denn der Drummer scheint nicht immer dieselbe Vorstellung vom Lied zu haben wie der Rest der fünfköpfigen Gruppe. Das muss man wohl unter „reduziertes Spiel“ verbuchen, denn bei McLeans launiger Bandvorstellung entpuppt sich der lässig ergraute Bartträger als Nashville-Studio-Ikone Jerry Kroon (Johnny Cash). Überhaupt ist die Band erlesen besetzt – mit Bassist Bradley Albin und Chet Atkins’ musikalischem Direktor Anthony Migliore an den Tasten. Bei den originellen Sounds und Soli von Gitarrist Carl „Vip“ Vipperman hört man die Weltklasse sogar immer wieder.

Keine Konfektionsware

In Zeiten überperfektionierter Arena-Shows ist dieser völlig uninszenierte Auftritt letztlich wohltuend. Zumal der Hauptdarsteller trotz deutlich abgesenkter Stimmlage durchgehend überzeugt. Und das auch als Geschichtenerzähler, der mit Ansagen und Songauswahl ein Panoptikum der Rockgeschichte kreiert. Etwa wenn er die Brücke zwischen seiner Ballade „And I Love You So“, die Elvis Presley zum Hit gemacht hat. zu „Are You Lonesome Tonight?“ schlägt, einem der größten Erfolge für den 1977 verstorbenen King. Das gerät mitunter etwas schmalzig („Love Hurts“), wird aber bei Blues-, Rock- und Politsongs richtig gut, allen voran das neue „Botanical Gardens“ und vor allem Josh Whites Protestsong-Klassiker „Uncle Sam Says“.

Als „American Pie“ gegen Ende für über zehn Minuten abhebt und abgefeiert wird, überstrahlt das alles andere naturgemäß. Danach kann es in der Zugabe nur noch die Solonummer „Vincent“ richten, der zweitgrößte Song aus der Feder McLeans. Wegen seines Alters bezifferte er die Chancen, dass es ihn noch mal nach Deutschland verschlägt, „nahe an Null – aber ich tue mein Bestes“. Auch dafür gibt es herzlichen Beifall.