Kultur

Großes Haus Musical-Gastspiel aus Heidelberg maßgeschneidert für das Theater Heilbronn / Gelungene Aufführung

Anatevka – Die Milch der frommen Denkungsart

Archivartikel

„Herr, du hast gegeben die Welt viele arme Menschen. Ich weiß, es ist keine Schande, arm zu sein, aber eine besondere Ehre ist es, weiß Gott, auch nicht! Was wäre denn dabei, wenn ich ein klitzekleines Vermögen hätte?“ – Tevje, der Milchmann im Zwiegespräch mit seinem Herrgott lacht und hebt zu singen an: „Wenn ich einmal reich wär’ oje wi di wi di wi di wi di wi di wi di bum, alle Tage wär’ ich wi di bum, wäre ich ein reicher Mann! Brauchte nicht zur Arbeit, oje wi di wi di wi di wi di wi di wi di bum“.

Ein Welthit, der das Musical „Anatevka“ berühmt gemacht hat. Das Heidelberger Theater hat „Anatevka“ in der Regie von Pascale-Sabine Chevroton im Sommer 2018 als Freilichttheater produziert. Nun gastiert die Inszenierung in einer für die Heilbronner Bühne maßgeschneiderten Indoor-Version im Großen Haus.

Uraufführung 1964

Das amerikanische Original „The Fiddler on the Roof“ (Uraufführung 1964 am Broadway) basiert auf dem achtteiligen Roman „Tewje, der Milchmann“ (1895 bis 1914) des Schriftstellers und Rabbiners Scholem Aleichem (1859 bis 1916). Geboren als Schalom Yakov Rabinowitsch, wuchs der Sohn eines Gutbesitzers in einem ukrainischen Dorf auf. Aufgrund von vorrevolutionären Pogromen im zaristischen Russland emigrierte er 1905 über Umwege in die USA.

Er gilt (neben Mendele und Perez) als Gründervater der jiddischen Literatur.

„Mazel toff!“ („Viel Erfolg“, gleichbedeutend mit „Viel Glück!“) wünscht man sich hier in Anatevka, wo Männer den Ton angeben und sich wundern, wenn Frauen ab und zu etwas lauter werden. Tevje, das Alter Ego des Autors, ist ein braver Mann, der seinem Wunschtraum vom unbeschwerten Leben eines reichen Mannes etwas näher kommen möchte.

Drei seiner fünf Töchter sind im heiratsfähigen Alter. So verspricht er dem wohlhabenden Fleischer Lazar Wolf – auf dessen Heiratsgesuch und auf Empfehlung der Heiratsvermittlerin Jente – seine älteste Tochter Zeitel.

Doch die liebt – man ahnt es – einen anderen: Es ist ausgerechnet der arme Schneider Mottel mit dem sie sich bereits heimlich verlobt hat. Auch die anderen beiden Töchter scheren aus und haben sich Partner ausgeguckt, die nicht ins väterliche Weltbild passen.

Das ist so bieder, dass schon die Musical-Autoren froh waren über die kleine Verrücktheit, die man sich in Anatevka gönnt: Gefiedelt wird auf dem Dach – und diese Besonderheit im Titel „The Fiddler on the Roof“ („Der Fiedler auf dem Dach“) gewürdigt haben.

Wie aus einem Bild von Marc Chagall gefallen, spaziert dieser Fiedler mit Geige als stummer Zeuge durch die Inszenierung, tritt Mal auf der Empore, Mal im Parkett und schließlich auf der Bühne auf. Im Kostüm steckt eine Statistin, der es leider an Präsenz fehlt. Glücklicherweise ist die beim Ensemble, allen voran der Hauptakteur Wilfried Staber (Tevje) sowie den Darstellerinnen keine Mangelware.

Überzeugender Chor

Stimmlich tun sich nicht nur Carolyn Frank (Golde, seine Frau) und Anjara Bartz (Jente) hervor. Angefeuert vom Philharmonischen Orchester Heidelberg unter Leitung von Johannes Zimmermann überzeugt der Chor, feiern in wechselnder Besetzung die Töchter Zeitel, Hodel und Chava den Triumph der Liebe. Die Einbindung der Tänzerinnen und Tänzer des Dance Theatre Heidelberg ist nicht nur bei folkloristischen Einlagen willkommen, sondern verleiht dem Stück Dynamik und mit einem makabren Totentanz nachhaltigen Eindruck.

Besonders gelungen ist das Bühnenbild von Jürgen Kirner. Das Dörfchen Anatevka, gebettet in eine Zeitkapsel (die an ein Ei, ein Nest, eine Knospe erinnert), ist ein Konglomerat altväterlicher Narrative. Umspült von der Milch der frommen Denkungsart wird im beschaulichen Idyll familiärer Geselligkeit und Nestwärme nicht nur Religion, Tradition und dem Reichtum das Wort geredet, sondern werden kanonisierte Werte männlicher Herkunft hinterfragt, also nicht mal augenzwinkernd reproduziert.

Wenn sich die Kapsel öffnet, die großflächigen Blütenblätter verselbstständigen, ergeben sich multi–funktional neue Raumbezüge. Groß wie Segel symbolisieren diese hellen Flächen schließlich Schiffe und den Exodus. Neue Deutungsmöglichkeiten eröffnet der bildintensive Spaziergang durchs jüdische Brauchtum allerdings kaum.