Kultur

Schauspiel An den gescheiterten Arabischen Frühling erinnert das neue Stück „Nicht ohne dich“ im Mannheimer Theaterhaus in G7

Angst isst die Seele fast auf

Sechs junge Menschen leben in Kairo, der Hauptstadt Ägyptens, nach dem Arabischen Frühling. Sie sind mitten im Studium oder haben es gerade abgeschlossen. Sie träumen von Europa und davon, tun und lassen zu dürfen, was sie wollen. Sie verfolgen ihre Ziele, berufliche oder private, und haben den Mut, sie konsequent zu verteidigen. Sie sind verliebt und haben große Lust, ihre Liebe auszuprobieren. Sie sind frech, aufmüpfig und abenteuerlustig oder unsicher, gehemmt und voller Scham.

Doch eines ist allen gemeinsam: Sie verspüren Angst. Und das ist der Moment, wo sich die Geschichte von „Nicht ohne dich – you bury me“ eventuell extrem unterscheidet von der Lebenswirklichkeit der Zuschauenden im Mannheimer Theaterhaus G 7. Denn schon alleine die Tatsache, dass sich die junge ägyptische Autorin des Stücks unter dem Pseudonym Ahlam verbergen muss, um sich und ihre Familie vor Übergriffen zu schützen, folgt dem Modus der Angst.

Sechs junge Schauspieler leihen den ägyptischen Figuren ihre Stimme. Da ist das verliebte Studentenpaar Alia und Tamer, fordernd und verzweifelt gespielt von Vivien Zisack und Aaron Jeske. Sie treffen sich heimlich und erkunden gegenseitig ihre Körper mit den Händen. Dabei verliert die junge Alia ihr Jungfernhäutchen. „Ich bin ruiniert – ich hatte nicht mal Sex“, schreit Alia entsetzt. Und Tamer, ebenso verzweifelt, spricht von chinesischen Jungfernhäutchen, die man im Internet bestellen kann. Schließlich bietet er ihr an, sie zu heiraten.

Letzter Ausweg: Flucht übers Meer

Das jedoch erscheint Alia noch unvorstellbarer als ein künstliches Häutchen. Denn Tamer ist ein koptischer Christ und sie selbst eine Muslima. Bleibt als Ausweg nur die Flucht mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer nach Italien. Oder die schüchterne Lina, feinfühlig von Anna Göbel verkörpert und die gestylte Maya, rotzfrech gespielt von Irina Maier. Unter Freundinnen versucht die eine die andere sexuell aufzuklären, wobei sich am Ende die zurückhaltende Lina als Lesbe outet und Maya als Geliebte gewinnt.

Da ist der Journalist Osman und sein Freund Rafik. Während der eine kritische Texte verfasst, um die Freilassung seiner Freundin zu erreichen, liebt der andere einen Mann, wird deswegen gefoltert und gilt am Ende als vermisst. Alle sechs Figuren leiden und kämpfen überzeugend für ihre Liebe. Inka Neubert erschafft mit ihrer Regie und den ausgezeichneten Darstellern einen raffinierten Reigen aus On- und Off-Stimmen. „Die Stadt blutet; die Stadt verursacht Risse…“ spricht das Ensemble und verleiht damit dem Ort ein zersplittertes Gesicht und seinen Figuren ein grenzwertiges Lebensgefühl.