Kultur

Tanz Michelle Cheung und Julie Pécard zeigen „En passant“ im Eintanzhaus in der Mannheimer Trinitatiskirche

Ankommen, Aufrichten, Abreisen

Am Boden kauert sie und macht merkwürdige Geräusche. Es braucht eine Weile, bis der Zuschauer in der zum Eintanzhaus gewordenen Trinitatiskirche begreift, was da passiert. Kasia Kadlubowska zupft vorsichtig an den Stacheln eines Kaktus, der so – elektronisch verstärkt – zum Musikinstrument wird. Es gibt den Rhythmus vor für Michelle Cheungs zaghafte Versuche, aufzustehen. Auf allen Vieren lauscht die Tänzerin auf die skurrilen Klänge, um sie als Impuls zu nutzen, dem Boden zu entkommen.

Ihre Geige mit nahezu gehauchtem Bogenstrich betastend, betritt Güldeste Mamaç den offenen Bühnenraum, die zusammen mit Kadlubowska das Musikduo Mahlukat ergibt. Es bietet mehr als musikalische Begleitung, ist gleichberechtigter künstlerischer Partner der diesmal auch choreographierenden Tänzerinnen Michelle Cheung und Julie Pécard. Letztere krabbelt zur Geige bodennah auf die Tanzfläche, eigenwillig und kantig sind auch ihre Bemühungen, den aufrechten Gang zu erlangen.

„En passant“ nennen die beiden Kanadierinnen, beide ehemalige Mitglieder des Kevin O’Day Balletts Nationaltheater Mannheim, ihren einstündigen Tanzabend, zu dem Melanie Riester weiße, schlichte und doch vielsagende Kostüme geschaffen hat.

Skulptur aus Stahlseilen

Kunstvoll auch das Bühnenbild Jens Richters, der den ohnehin eindrucksvollen Architekturraum Helmut Strifflers mit gespannten Stahlseilen zu einer dreidimensionalen Skulptur macht, die für das Geflecht unserer lebensbestimmenden Beziehungen stehen kann. Hier bewegen sich Pécard und Cheung keineswegs „en passant“, vielmehr thematisieren sie das Einleben, Zurechtkommen und Fremdsein von Menschen, die anderorts aufgewachsen und sozialisiert sind, deren Leben von Umzug und „Fremdartigkeit“ geprägt ist.

Fraglos ein gesellschaftsrelevantes Thema – und eines, das für Tänzer biografieprägend ist. Satztechnisch nicht abzubildende Striche setzen die Choreographinnen vor und zwischen die Worte ihres Titels, die wohl Lebensstationen markieren sollen. In (absichtlich) schlechtem Englisch spricht Pécard in Mannheim von Lebensstationen in Frankreich, der Karibik und Kanada. Cheung und die Musikerinnen steigen mit ein: sarkastische Klischeepflege mit Bezug auf die Vorurteile gegenüber „exotischer“ Herkunftsorte.

Zaghafte Tempeltänze

Doch man nähert sich an, mit (zuviel) Gequatsche, aber auch mit Tanz. Die Bewegungen der Tänzerinnen werden zu Ocean Drum, Klang- und Nussschalen mutiger, freier, weitausladend. Aus einem kreisenden Sich-Beäugen, werden zaghafte Tempeltänze, nahezu kämpferische Bewegungsabläufe, die an Heiterkeit gewinnen und sich in Anspielungen auf Volkstänze auflösen. Man scheint angekommen. Dann steht wohl wieder ein Abschied an, das Spiel um Ankommen, Einleben, Mitspielen und Aufrichten beginnt von vorn …