Kultur

Kulturpolitik Tänzer der Pariser Oper streiken gegen Rentenreformen / Bereits mehr als 50 Veranstaltungen abgesagt

Anmutiger Widerstand

Archivartikel

Die Geschichte der Pariser Oper ist lang und bewegt, aber das hatte es noch nicht gegeben: Tänzerinnen und Tänzer des Ballett-Ensembles, die am 24. Dezember begleitet von Musikern des Orchesters auf dem Vorplatz des Palais Garnier, der alten Oper im Stadtzentrum, einen Ausschnitt aus „Schwanensee“ zeigten. Auf Spruchbändern hinter ihnen stand „Pariser Oper im Streik“ und „Die Kultur in Gefahr“. Es war eine anmutige Art, Widerstand gegen die Reformpläne der Regierung zu leisten, die ein universales Punktesystem einführen will.

Sonderregelungen seit 1698

Die Fotos und Videos davon verbreiteten sich seither in Windeseile im Internet und lenkten die Aufmerksamkeit auf eines jener 42 Spezial-Systeme der französischen Rentenversicherung, die der Reform zum Opfer fallen sollen: das des Ensembles der Pariser Oper. Bislang erlaubt es den Betroffenen eine abschlagsfreie Pension im Alter von 42 Jahren. Für die Mitarbeiter anderer Opern- und Balletthäuser des Landes gilt dies nicht.

Eingeführt wurden die Sonderregeln bereits im Jahr 1698 unter dem legendären Sonnenkönig Ludwig XIV. Um diese zu bewahren, befinden sich die Ensemble-Mitglieder bereits seit dem 5. Dezember im Streik, wie andere Berufsgruppen von den Eisenbahnern bis zu den Anwälten, die sich ebenfalls gegen ein Ende ihrer Vorzüge wehren. Bis Jahresende wurden wegen des Streiks 55 Vorstellungen abgesagt, was der Pariser Oper nach eigenen Eingaben Verluste von zehn bis zwölf Millionen Euro einbrachte.

Als Kompromiss bot die Regierung an, die Reform solle erst für die nach dem 1. Januar 2022 rekrutierten Tänzer in Kraft treten. Das wurde jedoch abgelehnt. „Wir wollen nicht diejenigen sein, die 350 Jahre Geschichte des klassischen Tanzes in den Müll werfen und sagen: ´Nach mir die Sintflut‘“, begründete dies Alexandre Carniato, Tänzer und Gewerkschafter. Unter dem Vorwand der Gleichheit wolle die Regierung demnach etwas zerstören, das sehr gut funktioniere.

Training verhindert Ausbildung

Auch am Donnerstag haben sich wieder Tausende Menschen landesweit zu Streiks und Kundgebungen versammelt. In Paris blieb wegen den Ausständen unter anderem der Eiffelturm geschlossen, der Streik sorgte in der Hauptstadt unter anderem für massive Störungen im Nahverkehr. Am Freitag möchte Premierminister Èdouard Philippe bei einem Treffen mit Sozialpartnern Lösungsvorschläge diskutieren.

Derzeit liegt das Bruttogehalt der Tänzer je nach Position innerhalb der Compagnie zwischen knapp 3000 und 6000 Euro, ihre Pensionsansprüche errechnen sich aus den drei vergangenen Jahren – bei Angestellten der französischen Privatwirtschaft sind es 25. Vom Budget der Opern-Rentenkasse in Höhe von 28 Millionen Euro übernimmt der Staat die Hälfte. Das Beispiel illustriert die Schwierigkeit für die Regierung, ein System zu beenden, das bislang zahlreiche Sondersituationen berücksichtigt. Die Mitglieder des Pariser Ensembles argumentieren, dass sie schon in ihrer Jugend eingestiegen sind und deshalb häufig kein Abitur haben. Aufgrund des fortwährenden intensiven Trainings sei es schwierig, parallel eine Ausbildung zu absolvieren. Zudem gebe es nicht genug Stellen für Tanzlehrer.

Der Eintritt in den Arbeitsmarkt in fortgeschrittenem Alter und mit dem aus der Künstlerzeit angeschlagenem Körper sei hart und werde durch die Rente abgefedert. Er verdiene im Monat 2500 Euro netto und wenn er in einem halben Jahr aufhöre, werde er 1067 Euro Pension erhalten, erläutert Alexandre Carniato: „Das wird mir erlauben, eine neue Arbeit zu suchen und dann ungefähr wieder auf mein heutiges Gehalt zu kommen.“ Wenn diese Stütze wegfalle, wäre es schwieriger, die Besten nach Paris anzuziehen, argumentiert er: „Es geht auch um die Exzellenz der Pariser Oper. Wir sind Botschafter der französischen Kultur und müssen es bleiben.“ (mit dpa)

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