Kultur

Anstößige Kunst sorgt für Ratespaß

„Wir machen immer mit bei den Zeitungsrätseln. Aber das ist erste Mal, dass wir Glück gehabt haben. Echt super“, sagt Ruth Katzenmaier aus Heddesheim und lacht voller Freude ins Telefon. Per Anruf erfährt sie gestern Abend, dass sie beim Kulturrätsel dieser Zeitung den ersten Preis gewonnen hat: ein Abendessen mit dem Künstler Ottmar Hörl. Mit ihm dürften sich anregende Diskussionen entspinnen. Denn er ist immer gut für Provokationen.

Er treibt mit Unkorrektheiten und Tabus ein listiges Spiel. Der in Nürnberg und Wertheim lebende Kunstschaffende hat durch seine „Hitler-Gartenzwerge“ - auch in Mannheim - die Gemüter erregt. Er sah sich wegen der Figuren, die ihre rechte Hand zum Hitlergruß erhoben, dem Vorwurf ausgesetzt, er verharmlose in unverantwortlicher Weise den Nationalsozialismus. Der Künstler selbst interpretiert seine Gartenzwerge als Persiflage auf „das Herrenmenschentum der Nazis“.

Entsprechend ging es auch bei dem Quiz um Kunstwerke, die wegen rassistischer oder sexistischer Bezüge als politisch unkorrekt gelten. Zum Zeitpunkt ihres Entstehens wurden sie aber zumeist als nicht anstößig erachtet. Ein ungewöhnliches Thema - doch gerade das hat Ruth Katzenmaier gefallen. „Man musste schon ein bisschen überlegen“, sagt sie. Aber sie habe fast alle Denksportaufgaben relativ schnell lösen können - bis auf jene über das Lied „Zigeunerjunge“ der Schlagersängerin Alexandra. „Da musste mein Mann mir helfen“, verrät sie.

Die Namen von Liedern, Theaterstücken oder auch literarischen Figuren waren in den acht Quizfolgen zu erraten. Eben dies hat vielen Lesern Spaß gemacht. Mehr als 600 Einsendungen gingen bei dem Rätsel ein, das die Kulturredaktion dieser Zeitung seit 2014 zum Jahreswechsel präsentiert.

Das Spektrum der Fragen war weitgespannt: Es reichte von der Figur des Gretchen in Goethes „Faust“ über Vladimir Nabokovs Skandalroman „Lolita“ von 1955 bis zur umstrittenen Abbildung auf der Plattenhülle von „Virgin Killer“, dem Album der Hannoveraner Hardrockband Scorpions aus dem Jahr 1976. Das richtige Gesamtlösungswort lautete „Toleranz“.

Weil bei den Fragen weder Autoren oder Interpreten genannt wurden, war das Raten nicht immer leicht. „Es war ein etwas anderes Rätsel als sonst - aber das war das Interessante daran“, sagt auch Leserin Brigitte Wenz aus Schwetzingen im Telefongespräch. Sie hat den zweiten Preis gewonnen: den Besuch der Ausstellung „Tizian und die Renaissance in Venedig“, die ab 13. Februar im Frankfurter Städel zu sehen ist. Sie darf sich die Werkschau mit einer Begleitperson und Stefan M. Dettlinger, dem Leiter der Kulturredaktion dieser Zeitung, anschauen.

„Auf Anhieb konnte man die einzelnen Folgen nicht auflösen. Da musste man sich schon ein bisschen kundig machen“, gesteht Brigitte Wenz. „Wir haben ja das Internet“, pflichtet Erika Mark aus Birkenau im Telefongespräch mit dieser Zeitung bei. Sie hat als Drittplatzierte das Buch „Best of 15: 15 Jahre Popakademie“ gewonnen, das mit einer Langspielplatte kombiniert ist. „Zum Glück haben wir noch einen Plattenspieler“, berichtet ihr Ehemann Hans Joachim Mark. Das Rätsel sei anspruchsvoll gewesen, sagt seine Gattin, „aber mir hat das gefallen. Ich finde es schön, dass die Zeitung etwas bietet, bei dem die Leser auch mal nachforschen müssen.“

Dass es bei der Knobelei um das knifflige Thema Kunstfreiheit und politische Korrektheit ging, kam bei den Gewinnerinnen jedenfalls bestens an. Schließlich hat das Kulturrätsel dadurch - abgesehen vom Spaß am Herausfinden der richtigen Lösungsworte - auch ein wenig zum Nachdenken angeregt: über den Wandel von Werten und über kulturelle Entwicklungen. Das Quiz hat zudem bewusst gemacht, dass es heutzutage eine geschärfte Sensibilität für diskriminierende Begriffe gibt, die noch vor wenigen Jahren als nicht anstößig galten.