Kultur

Anti-Rassismus: Akademische Sprache erreicht nicht alle

Archivartikel

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

seit Wochen beobachte ich nun, teilweise diskutiere ich mit, die Debatten, die seit Black Lives Matter in Deutschland geführt werden. Ich finde sie unbefriedigend. Vielleicht gelingt mir in diesen wenigen Zeilen, ein Gefühl für das „Warum“ zu vermitteln.

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Ich schreibe selbst seit 1999 über das Thema und Rassismus. Es ist nicht so, dass mir der Kampf für Menschenrechte neu wäre. Doch im Moment erhält er einerseits endlich eine unglaubliche mediale Aufmerksamkeit, andererseits kommt vieles bei Minderheiten überhaupt nicht an. Weil es nicht ihre Sprache ist. Weil die meisten medial präsenten Aktivisten sich einer Wortwahl bedienen, die, freundlich ausgedrückt, ausgrenzend ist. Selten hat sich akademische Sprache so durchgesetzt wie derzeit. Nun bekommen Medienvertreter und Privilegierte beigebracht, was „PoC“ und „BPoC“ sind. Was es heißt, als PoC „gelesen zu werden“. Eine ganze Diskussionsideologie darüber, wer sprechen darf, wann und wie ist entstanden.

Ständig lese ich also: PoC sei eine Selbstbezeichnung der Menschen, die hier als migrantisch gelesen würden. Ich sehe nicht, wo diese Bezeichnung zig junge Menschen erreicht, wie zum Beispiel die Jungs, die ich in den Mannheimer Quadraten sehe und die mit Zuschreibungen sicher viel zu tun haben. Was ist das bitte für eine emanzipatorische Sprache, die nicht mit und zu den Betroffenen reden will, sondern vorwiegend mit und zu den Mächtigen, die mit akademischem Jargon erläutern will, was sie tun sollten? Der US-Bürgerrechtskämpfer John Lewis sagte über Martin Luther King: „So, indem er sprach wie er sprach, unterrichtete er, inspirierte er, informierte er nicht nur die Menschen dort, sondern in ganz Amerika und ungeborene Generationen.“

Wir können, trotz mancher Ähnlichkeiten, diese Kämpfe nicht einfach übertragen. Die Zeiten sind andere, die Probleme sind es auch. Was man jedoch versuchen kann: Um Menschen zu bewegen, muss man eine Sprache finden, die Menschen berührt und meint. Ja, man kann viel Anti-Rassismus-Arbeit leisten. Man kann noch mehr Anti-Diskriminierungs-Gesetze schaffen und Rassismus bestrafen. Was man jedoch - zum Glück - nicht kann: Positive Gefühle füreinander erzwingen. Der Satz „I have a dream“ ist nicht in einem Universitätszimmer entstanden, sondern im Lebensraum eines Vaters, der mehr Glück für seine Kinder träumte, als er es selbst hatte.

Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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