Kultur

Lesen.Hören I Lebensbücher von Aleida und Jan Assmann

Archäologie des Denkens

Archivartikel

Im Museum sei das Schönste, dass sich nichts bewege und die Zeit dort völlig stillstehe, erklärt uns Holden Caulfield, Ich-Erzähler aus dem Kultroman „Fänger im Roggen“. Dieses Buch von J. D. Salinger kennt praktisch jeder. Auch Aleida Assmann hat es schon als Schulmädchen geschenkt bekommen, in den 1960ern. „Von Jan“, erklärt sie in der Alten Feuerwache, und der sitzt noch immer neben ihr – bei einem Lesen.Hören-Abend, der die Bücher ihrer beiden Leben vorstellt.

Jeweils fünf wichtige Werke

Oder jedenfalls jeweils fünf Stück. Fast keines davon ist so populär wie der erwähnte „Fänger“, insbesondere Jan Assmann hat vor allem Sach- und Fachliteratur nach Mannheim mitgebracht. Ihm geht es darum, aufzuzeigen, „was auf meinen Werdegang viel Einfluss hatte“. Diese Bücher selbst zu lesen, möchte er dem Publikum nicht immer nahelegen, dafür müsse es zuvor „einen gewissen Resonanzboden“ gelegt haben. Wir wohnen dennoch faszinierend, aber zwanglos intellektuellen und vom Deutschlandradio-Mann René Aguigah klug und sicher moderierten Plaudereien bei. Dass selbst im Hause Assmann substanzielle Bücher manchmal ungelesen im Regal verstauben, tröstet ein bisschen über eigene Versäumnisse hinweg. Aber ansonsten hat das Heidelberger Professoren-Ehepaar Erinnerungskultur und kulturelles Kollektiv-Gedächtnis nicht allein zur Theorie erhoben, sondern auch zur lebenslang gepflegten Praxis.

Viele Lesefrüchte tauchen nach Jahrzehnten wieder auf, verändert und aus einem neuen Blickwinkel betrachtet. Seine These von der „Achsenzeit“ der – nicht bloß abendländischen - Kultur etwa, die uns bis heute umtreibt, hat Jan Assmann nicht zuletzt auch der Lektüre eines Buches von Karl Jaspers zu verdanken, das er bereits in der Unterprima las. Um 1955!

Thomas Manns Roman-Tetralogie „Joseph und seine Brüder“, die ihm als Student gekünstelt vorkam, schätzt er mittlerweile. Und das sollte er wohl auch: Assmann hat 25 Jahre lang an einem Kommentar geschrieben, der die Neuausgabe dieses Wälzers schmückt. Gut Ding braucht eben Weile.