Kultur

Deutscher Buchpreis Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke erhält Auszeichnung für ihren neuen Familienroman, dessen Schauplatz Teneriffa ist

„Archipel“ – eine Insel als Schicksal

Archivartikel

Berlin.In ihrem Familienroman lässt Inger-Maria Mahlke die Uhren rückwärts laufen. Ein kühner Wurf, der die Jury des Deutschen Buchpreises überzeugt hat. Die Schriftstellerin wird für den besten neuen Roman des Jahres ausgezeichnet.

Die Blumeninsel Teneriffa ist Schauplatz dieses Romans, in dem sich die Geschichten mehrerer Familien miteinander verweben. 100 Jahre aufgeteilt in 17 Kapitel, die historische und private Schlüsselmomente beleuchten. Das allein wäre noch nichts Besonderes. Spannend wird es erst dadurch, dass Inger-Maria Mahlke in „Archipel“ rückwärts erzählt. Sie beginnt im Jahr 2015 und endet 1919, im Geburtsjahr von Julio, dem Stammvater der Bautes. Dazwischen reihen sich Geburten und Todesfälle, Hochzeiten und Ehebrüche, der Immobilien- und Touristenboom auf den Kanaren, ein Putschversuch, der Krieg in der Westsahara, Franco-Diktatur und Spanischer Bürgerkrieg. Anders als im richtigen Leben werden die Personen nach und nach immer jünger, bis sie ganz verschwinden und ihr Platz von ihren Vätern und Müttern, dann von ihren Großvätern und Großmüttern eingenommen wird.

Der dramaturgische Kniff, die Geschichte zurückzuspulen, ist reizvoll, hat aber auch Nachteile. Denn viele Geschehnisse bleiben zunächst rätselhaft, erschließen sich in ihrer ganzen Dimension deshalb erst im Nachhinein.

In den ersten, sehr umfangreichen drei Kapiteln, die das Jahr 2015 behandeln, wird das Tableau entworfen: Rosa Bernadotte kommt nach einem abgebrochenen Kunststudium vom Festland auf die Insel zurück, um an einer surrealistischen Jubiläumsveranstaltung teilzunehmen. Die Ehe ihrer Eltern ist längst zerrüttet. Mutter Ana hat Karriere in der konservativen Partei gemacht und entwickelt „Visionen für einen neuen Tourismus“.

Einzige Aufgabe: Nüchtern bleiben

Vater Felipe, spezialisiert auf die Erforschung des Bürgerkriegs auf den Kanaren, hat vor einiger Zeit seine Universitätslaufbahn aus verletzter Eitelkeit hingeschmissen und privatisiert. Er ist „dreiundfünfzig Jahre alt und hat nichts zu tun. Seine einzige Aufgabe, nüchtern zu bleiben, ist heute bereits unerfüllbar.“

Und dann gibt es da noch Anas Vater Julio, der mit seinen 90 Jahren als Pförtner in einem Altersheim tätig ist. Er sieht leidenschaftlich gern Radrennen im Fernsehen. Warum das so ist, wird man viel später erfahren, wenn seine Rolle im Bürgerkrieg zur Sprache kommt.

So werden in diesem etwas zu breit und langatmig geratenen Anfangsteil Fährten gelegt, über die man leicht hinwegliest, weil sich ihre Bedeutung erst nach einer Weile erschließt. Das Erstaunliche ist, dass die Erzählung immer mehr Schwung entfaltet, je weiter sie in die Vergangenheit zurückgeht. Auch die interessanteren Figuren tauchen erst nach und nach auf. Nicht zuletzt ist dieser mutige Roman auch eine Hommage an die Insel Teneriffa, auf der die Autorin einen Teil ihrer Jugend verbracht hat und der sie – wie man mit jeder Zeile merkt – noch immer mit allen Fasern verbunden ist.