Kultur

Heidelberger Frühling Galliano und Fresu am Meer

Auch solo nie allein

Archivartikel

Irgendwann in ferner Zukunft wird das Mittelmeer verschwinden, weil die afrikanische Kontinentalplatte hartnäckig nach Europa drängt. So viel zur allgemeinen Erdgeschichte. Vorerst ist das „Mare Nostrum“ (wie die Römer einst Besitz ergreifend formulierten) ja noch da, und es ist mehr denn je ein großes Sammelbecken unterschiedlichster Kulturen. Daraus schöpfen der Trompetenflüsterer Paolo Fresu, geboren auf Sardinien, und der südfranzösische Akkordeonmeister Richard Galliano schon seit langem. Auch der Ostsee-Anrainer und Pianist Jan Lundgren ist bei dieser zweiten „Mare Nostrum“-Seereise wieder an Bord.

Landschaften in Moll und Nebel

Die erste Aufnahme des Trios kam bereits 2007 auf den Markt, doch musikalisch hat sich nichts geändert. Stürmisch geht es in der Heidelberger Stadthalle zu Anfang überhaupt nicht zu, stattdessen lyrisch, melancholisch und entspannt. Es geht durch Landschaften in Moll und Nebel. Die Musik wird hier zum Therapeutikum, zum Mittel der Entschleunigung. Fresu gibt dabei oft den sanften Ton an, mit seiner Trompete (gern mit Dämpfer), seinem Flügelhorn und manchmal einer klitzekleinen Prise Elektronik pflegt er einen weichen, „femininen“ Sound in der Chet-Baker-Nachfolge. Massive Soli spielen die drei Meeresmusiker nur selten, eher sind es leise Reflexionen, ein behutsames Hervor- und gleich wieder Zurücktreten im Rahmen eines kammermusikalischen Geschehens.

Das ist häufig wunderschön, und doch stellt man sich irgendwann die Frage, ob es pausenlos so weitergehen kann. Das Gute ist: Die Herren auf der Bühne stellen sich die Frage ebenfalls – und reagieren. Im Verlauf des Abends nehmen die Uptempo-Stücke deutlich zu, der Spielwitz auch. Man hört humorige, fast kauzige Extravaganzen. Galliano zieht jetzt sämtliche Register, würde auf dem ohnehin schon riesigen Akkordeon gern noch ein paar Knöpfe mehr bedienen und zum Tanzen und Vibrieren bringen. Lundgren steuert „Swedish Standards“ bei (oft alte Volkslieder) – und arbeitet mit handfesten, robusten Boogie-Rhythmen. Auch das Publikum nimmt immer weiter Fahrt auf. HGF