Kultur

Journal Nichtwissen hat viele Facetten, nicht nur bei den sogenannten Doppelblindstudien führt es weiter

Auch Unkenntnis kann nützen

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Damit wusste der griechische Philosoph Sokrates ziemlich viel. Mehr als zwei Jahrtausende später treibt uns das Nichtwissen um – vor allem dann, wenn bewusst wird, dass wir etwas (noch) nicht wissen. Aber manchmal wollen wir gar nicht wissen, was wir wissen könnten. „Ich weiß, dass ich mehr als Sokrates weiß.“ Dies könnte heutzutage jeder Bildungsbürger von sich behaupten – sofern er Wissen als Anhäufung von Informationen (miss-)versteht. Schön und gut, wir haben dank unseres Hirns – in der Antike noch als Kühlorgan verkannt – erstaunlich viel herausgefunden.

Hilfreiche Blicke

Aber damit vermehrte sich all das, was wir über neues Wissen nicht wissen beziehungsweise lange nicht wussten. Damit verknüpfte Dramatik blitzt rückblickend auf: Als der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen 1895 jene Strahlen entdeckte, die Unsichtbares sichtbar machten, wurde die Technik nicht nur (wie noch heute üblich) für hilfreiche Diagnoseblicke ins Körperinnere genutzt, sie diente auch als Jahrmarktbelustigung. Selbst renommierte Wissenschaftler besserten mit den beliebten Schau-Durchleuchtungen ihren Etat auf – nicht wissend, was sie sich und anderen gesundheitlich antaten.

Dass aufkeimendes Wissen über gefährliches Unwissen oftmals wissentlich klein gehalten wurde (und wird), davon kündet der weltweite Siegeszug des Tausendsassas Asbest - ein Material, das sogar als wirbelnder Filmschnee in Hollywoodfilmen Karriere machte. Obwohl von der „Wunderfaser“ verursachter Lungenkrebs bereits in den 1940ern als Berufskrankheit anerkannt wurde, sollte ein Verbot asbesthaltiger Produkte bis 1993 auf sich warten lassen. Die (inhalierte) Zeitbombe tickt nach wie vor. Wissen ist bekanntlich Macht. Und wer nichts weiß, muss alles glauben. Wissen schafft aber auch Ohnmacht – wenn sich beispielsweise wie im Fall der mythologischen Kassandra Unheil klar voraussagen, aber dennoch nicht verhindern lässt.

Schleicht es sich an oder nicht, das unheilbare Alzheimer-Vergessen? Angesichts gnadenlosen Wissens um Risiken, insbesondere um genetische, sehnt sich so mancher nach gnädigem Nichtwissen. „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“, bringt ein Sprichwort das Bedürfnis, nicht alles wissen zu wollen, auf den Punkt. Wenn der Radiologe einmal Klartext geredet hat, dass das Bisschen Rückenschmerzen auf massive Bandscheibenvorfälle zurückgeht, lässt sich diese Erkenntnis nicht mehr ausblenden – ob man will oder nicht. Aber vor Gericht schützt in den allermeisten Fällen „Unwissenheit vor Strafe nicht“ – was schon im alten römischen Recht galt.

Persönliche Überschätzung

Kurioserweise ist es manchmal Nichtwissen, das Wissen festigt: Bei Doppelblindstudien tappen zum Ausblenden verzerrender Erwartungen sowohl Testpersonen wie Ärzte im Dunkeln, welche Gruppe einen Wirkstoff und welche ein Scheinmedikament bekommt. Es gibt aber auch jene „Blindflieger“, die alles besser zu wissen glauben und deshalb wissentlich die Augen verschließen – vor persönlicher Überschätzung genauso wie vor gesellschaftlichen Gefahren, sei es durch Aushöhlen der Demokratie oder Klimawandel.

Nichtwissen hat viele Facetten: von irrlichternder Ahnungslosigkeit (weshalb einst die Reichen schöner Blei-Glasuren wegen aus giftigen Bechern tranken) bis zu „tätigem Unwissen“, das schon Goethe beklagte. Der größte Feind des Wissens, sei aber nicht Unwissen, befand der im Frühjahr verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking, sondern „die Illusion von Wissen“.

Ob Sokrates von seinem acht Jahrzehnte vor ihm geborenen chinesischen Kollegen Konfuzius je gehört hat, ist ungewiss. Gleichwohl kamen beide zur Erkenntnis: Zu wissen, was man weiß, und zu wissen, was man tut, ist Wissen. Klarerweise gehört dazu auch das Wissen um Nichtwissen. Vielleicht sollten wir uns immer mal wieder mit dem so wunderbar von Heinrich Heine formulierten Liedanfang selbstkritisch fragen: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass . . . “