Kultur

Jazz im Quadrat Die von Sängerin Seyda Sibel und Sänger Antonio Garcia geleitete Band Brainsail präsentiert am 7. Februar ungewöhnliche Lieder

Auf magische Art miteinander vereint

Archivartikel

Diese Band ist anders als die meisten anderen: Dass die junge Mannheimer Jazz-Formation Brainsail in Zeiten, in denen viel von Geschlechtergerechtigkeit gesprochen wird, paritätisch von einer Frau und einem Mann geleitet wird, ist nur ein Alleinstellungsmerkmal von mehreren, die das Ensemble auszeichnen. Auch in musikalischer Hinsicht ist das Quintett außerordentlich.

Davon kann sich das Publikum beim nächsten Konzert in der Reihe „Jazz im Quadrat – Hautnah“, das diese Zeitung veranstaltet, überzeugen. Denn am Freitag, 7. Februar, um 20 Uhr stehen Brainsail auf der Bühne des Mannheimer Musikclubs Ella & Louis. Zu hören gibt es ungewöhnliche Musik: Lieder, weit weg von gängigen Songklischees, geprägt von spannungsvoll brodelnden Rhythmuswechseln und ausgefeilten Gesangsdarbietungen, bei denen die Stimmen von Sängerin Seyda Sibel und Sänger Antonio Garcia auf fast magische Art verwoben sind. Sie inszenieren dabei faszinierende Rollenspiele: Männliche wie weibliche Identitäten fließen wundersam ineinander, wenn Sibel zum Beispiel forsch und fordernd singt, während Garcia, gelegentlich in hohe Lagen wechselnd, fast feminin klingt.

Raffinierter Wechselgesang

Der intensive Ideen- und Gefühlsaustausch zwischen den zwei Gesangsartisten und Band-Leitern hat die Gruppe, die seit einem Jahr besteht, auch zu ihrem Namen inspiriert: Brainsail. „Gehirnreise“, so übersetzt Garcia ihn beim Gespräch mit dieser Zeitung, „das bezeichnet die Art und Weise, wie wir beide miteinander kommunizieren.“ – „Wir müssen sozusagen im Gehirn des anderen herumsegeln, um uns zu verständigen“, erklärt sie die ungewöhnliche Symbiose der beiden Frontleute, deren Band durch Paul Janoschka (Piano), Jonas Esser (E-Bass) und Johannes Engelhardt (Schlagzeug) komplettiert wird.

Kennengelernt haben sich alle beim Jazzstudiengang an der Musikhochschule Mannheim. Das Konzept von Brainsail mit dem doppelt besetzten, raffiniert austarierten Gesang stammt ebenso wie alle Stücke von Garcia und Sibel. Lange und intensiv, so berichten beide, haben sie an den zweistimmigen Arrangements gearbeitet, die sich mitunter anhören, als verschmölzen sie zu einer einzigen Stimme, dann wieder, als löse dieser harmonische Zusammenklang sich in unterschiedliche Einzelteile auf.

Die Musik von Brainsail steckt voller Subtilitäten: Der Song „Magic Tree“ etwa verändert andauernd seine Gestalt, klingt in einem Moment funky und zupackend, im nächsten zart und verträumt, ein paar Takte lang poppig, dann mit einem Mal jazzig. Und auch die Inhalte sind alles andere als gewöhnlich. „Magic Tree“ werfe die Frage auf, ob es möglich sei, dass sich zwei Menschen in einem Traum begegnen könnten: „Antonio stellt viele Fragen in seinen Songs“, kommentiert Sibel. „Was Kunst machen sollte, ist, Fragen zu stellen“, findet Garcia. Ihre Texte seien dagegen äußerst persönlich, selbstentblößend, „wie Seelen-Striptease“, gesteht seine Kollegin.

„Wir beide haben ganz unterschiedliche Mentalitäten“, erzählt sie. Sie sei eher der diplomatische Typ. „Ich bin impulsiver“, betont Garcia. Aber das ändere sich von Tag zu Tag, relativiert Sibel und kommt zu dem Schluss: Wir sind sehr geschwisterlich.“ Dieses flirrende Wechselspiel zwischen Nähe und Reibung, Stärke und Weichheit, Männlichkeit und Feminität, stets in wechselnden Rollen – das verleiht der Musik von Brainsail ihre faszinierende Aura.

Die Frage, ob womöglich ihre multikulturelle Herkunft der Grund für ihre ungewöhnliche Musik sei, beantworten beide sofort und zugleich mit einem vehementen Ja. „Die Rhythmik ist uns beiden sehr wichtig“, sagt Sibel, die aus Wiesbaden stammt und aus einer türkischen Familie kommt. „Ich war bei einer Dorfhochzeit in der Türkei, und da haben die ganzen Leute zu Siebener- und Fünfer-Rhythmen getanzt.“ Auch Garcia, er ist Kolumbianer und kam von Bogota für das Studium nach Mannheim, mag ungerade, komplexe Rhythmen. Kolumbianische Musik stecke voller rhythmischer Verschiebungen, erläutert er.

Doch das sei kein Selbstzweck: „Die Hauptsache ist, dass es groovt“. Darauf kommt es den beiden besonders an. „Jazz ist zu akademisch geworden“, findet Garcia, der mit Rockmusik von den Beatles, Led Zeppelin und Pink Floyd aufgewachsen ist. „Es gibt viele populäre Elemente in unserer Musik“, fügt Sibel hinzu, die Ella Fitzgerald und Chet Baker mag: „Unser Ziel ist es, Leute auf unsere Seite zu ziehen, die nicht unbedingt Jazz hören.“ Das verspricht ein spannendes, mitreißendes „Jazz im Quadrat“-Konzert.

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