Kultur

Literatur Mit Olga Tokarczuk und Peter Handke ehrt die Schwedische Akademie zwei streitbare Autoren mit dem Nobelpreis

Auf Stille oder die Mythen hören

So viel Literatur-Nobelpreis war nie, erst recht nicht für Europa. Gleich zwei Preisträger verkündete die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm – eine nachgeholte Preisträgerin für das vergangene Jahr, weil der Skandal um Jury-Mitglied Katarina Frostenson und ihren inzwischen wegen Vergewaltigung verurteilten Ehemann damals die Preisvergabe verhindert hatte, und dazu einen sozusagen regulären Preisträger für 2019: Die Polin Olga Tokarczuk erhält die angesehenste Literaturauszeichnung ebenso wie der Österreicher Peter Handke.

„Sehr, sehr gerührt“

Jüngste Spekulationen über wahrscheinliche Kandidaten hatten auch die 57 Jahre alte Roman- und Prosaautorin umfasst. Peter Handke (76) war immer mal wieder zum Favoritenkreis gezählt worden. Ganz und gar überraschend wirkte die Preisvergabe also nicht – aber natürlich war bei beiden Preisträgern die Freude groß. Tokarczuk hat sich nach der Bekanntgabe zunächst einmal fassungslos gezeigt: „Es kommt noch gar nicht an mich ran“, sagte sie der polnischen Zeitung „Gazeta Wyborcza“ zufolge in einem Telefongespräch.

Sie habe – auf Werbetour für ihr auf Deutsch erschienenes Werk „Die Jakobsbücher“ – erst einmal anhalten müssen, als sie die Nachricht erhalten habe. Besonders freue sie sich, dass auch der von ihr sehr geschätzte Handke den Nobelpreis erhalten habe. „Das ist wunderbar, dass die Schwedische Akademie die Literatur aus Mitteleuropa gewürdigt hat“, sagte sie. Nach den Worten des Vorsitzenden des Nobelkomitees, Anders Olsson, hat Handke „sehr, sehr gerührt“ auf die Preis-Nachricht reagiert. Auf Deutsch habe er gefragt: „Ist das wahr?“ Später sagte Handke der Nachrichtenagentur APA, er sei dann vier Stunden im Wald spazieren gewesen.

Mit Peter Handke ehrt das Preis-Gremium einen Schriftsteller, der als zorniger junger Mann und Literaturrevolutionär in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts die literarische Bühne betrat – und eigentlich immer zornig geblieben ist, wie später vor allem seine politisch motivierten, namentlich pro-serbischen Stellungnahmen bestätigt haben. Bekannt machten ihn Theaterstücke wie „Kaspar“ und besonders „Publikumsbeschimpfung“; zuvor schon hatte er auch die deutsche Literatur in Form der Gruppe 47 öffentlichkeitswirksam beschimpft, indem er ihr beim Treffen in den USA „Beschreibungsimpotenz“, überhaupt Saft- und Kraftlosigkeit vorwarf. Später fanden vor allem Handkes Romane großes Echo, angefangen mit „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ von 1970, den Wim Wenders zwei Jahre darauf verfilmte. Handke schrieb dann auch das Drehbuch zu Wenders’ bekanntestem Film „Der Himmel über Berlin“. Zorn wecke die kreativen Geister, Wut ließe sie nur kurz aufflammen, sagte Peter Handke einmal in einem Interview der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Und Handke, 1942 in einem kleinen Ort in Kärnten geboren, war dann auch selbst oft Ziel wütender (und zorniger) Attacken. Besonders, als er sich im Jugoslawienkrieg konsequent auf die Seite Serbiens stellte, die Nato für ihre Luftschläge verurteilte und im Jahr 2006 bei der Beerdigung des jugoslawischen Ex-Diktators Slobodan Milosevic eine Rede hielt. In seinen Prosawerken, wozu etwa auch „Der kurze Brief zum langen Abschied“ oder „Der Bildverlust“ zählen, erweist sich der zurückgezogen bei Paris lebende Peter Handke als behutsamer Beobachter. Eher tastend umkreist er seine Stoffe. Deshalb ähneln diese Prosaarbeiten oft auch eher Meditationen, als dass sie geläufige Erwartungen an erzählerische Texte erfüllen würden.

Zwischen Mythen und Realität

Olga Tokarczuk zählt zu den bekanntesten Autorinnen ihrer Generation in Polen – und sie hat ebenfalls eine kämpferische Seite. Sie streitet entschieden für Toleranz und gegen Fremdenhass. Die studierte Psychologin veröffentlicht seit 30 Jahren Romane und Erzählungen, aber auch Gedichte. Ihre mehrfach preisgekrönten Werke führen die Leser oft in ein Reich zwischen Mythen und Realität. Auch im Ausland machte sich die Polin schon einen (guten) Namen. Viele ihrer Romane, darunter „Ur und andere Zeiten“ (1996) sowie „Gesang der Fledermäuse“ (2011), wurden ins Deutsche übersetzt.

Während die Vergabe an Tokarczuk viele positive Reaktionen fand, gab es für die Ehrung Handkes auch Kritik. Die Preise werden am 10. Dezember in Stockholm verliehen. Neben der Nobelmedaille und einer Urkunde erhalten die Gewinner je ein Preisgeld von umgerechnet rund 830 000 Euro. Zuletzt erhielt den Preis 2017 der in Japan geborene Brite Kazuo Ishiguro. (mit dpa)

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