Kultur

Zehn Wochen, zehn Werke Ausgewählte Exponate der Kunsthallenschau „Inspiration Matisse“ unter der Lupe betrachtet

Aufrecht im doppelten Sinn

Wenn Männer weibliche Aktmodelle bevorzugten – so wählte eine Künstlerin eben umgekehrt einen Mann: Mathilde Vollmoeller (später Purrmann-Vollmoeller) malte ihr ausdrucksvolles Bild eines kräftigen jungen Mannes im Jahr 1908. Der nicht nur athletische, sondern auch etwas massige Körper lässt mit dem fast ohne Gesichtszüge ausgestatten Kopf den Einfluss Paul Cézannes erkennen, mit dem sich die Künstlerin kurz zuvor intensiv auseinandersgesetzt hatte. Die Farbgebung von Körper und Wand ist nahezu gleich, was das Statuarische betont; gleichzeitig verleihen die Farben und wechselnden Richtungen des Pinselstrichs dem Bild den Anschein von Bewegtheit.

Auffällig ist die kerzengerade Haltung; der Körper ist ebenso lang wie die Seitenkanten, man könnte darin ebenso den Ausdruck von gesunder Vitalität und also eine Feier von Leben und Jugend sehen wie auch den Appell, aufrecht zu bleiben und sich, wie man sagt, nicht verbiegen zu lassen. Vollmoeller verrät eine solche Haltung durchaus in ihrer Kunst.

Das Bild entstand in dem Jahr, als die Künstlerin den aus Speyer stammenden Hans Purrmann kennenlernte, ihren späteren Ehemann. Beide wurden sie Schüler der privaten Kunstschule „Académie Matisse“, wo sie Matisse unterrichtete, ohne dass die zwei eigentlich zu Matisse’ Schülern im Sinne von Nachahmern wurden. Die Aktdarstellung war indes ein zentrales Element des Unterrichts. Die 1876 in Stuttgart geborene Künstlerin malte schon gut zehn Jahre, als das Bild entstand. Sie entschied sich, als eine der wenigen Frauen der Zeit, für eine künstlerische Existenz.

1906 ging sie von Berlin nach Paris, hatte dort auch engen Kontakt zu Rainer Maria Rilke und war Mitglied der künstlerischen Avantgarde. Das änderte sich nach der Eheschließung im Jahr 1912. Sie bekam drei Kinder und stellte ihre künstlerische Arbeit nahezu ein. In solcher Hinsicht lebte sie dann doch wieder ganz nach den Maßstäben der Zeit.

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