Kultur

Jazz im Quadrat – Hautnah Das Yonathan Avishai Trio, eine der jüngsten Entdeckungen der Plattenfirma ECM, spielt im Ella & Louis

Aus Vergangenem wächst Neues

Ein Musiker, der hundert Jahre Jazzgeschichte ganz locker aus dem Handgelenk zu schütteln scheint, als sei dies eine Selbstverständlichkeit – das ist der Pianist Yonathan Avishai. Kein Wunder, dass sein Trio-Album „Joys And Solitudes“ (Freuden und Einsamkeit), mit dem er bei der Münchner Plattenfirma ECM Anfang des Jahres seinen Einstand gab, von der Kritik gefeiert wurde.

„Eine Entdeckung“, jubelte Georg Waßmuth vom Südwestrundfunk. Avishai zeige, „welch fesselnde Erzählwirkung seine Improvisationen erzielen können“, fand Karl Lippegaus im Deutschlandfunk. Der Pianist vereine alte Schule mit modernen Gedanken, lobte George W. Harris im Internetportal Jazz Weekly.

Seit fünf Jahren ein Team

Beim nächsten „Jazz im Quadrat – Hautnah“-Konzert, das diese Zeitung präsentiert, ist der in Frankreich lebende israelische Tastenzauber am Donnerstag, 11. Oktober, um 20 Uhr im Mannheimer Ella & Louis zu Gast. Der Auftritt geht im Rahmen des Enjoy-Jazz-Festivals über die Bühne. Die Bedeutung dieses Gastspiels wird noch dadurch unterstrichen, dass die SWR-Jazzredaktion das Konzert mitschneidet und auf SWR 2 im Hörfunk senden wird.

Yonathan Avishai wird Yoni Zelnik (Kontrabass) und Donald Kontomanou (Schlagzeug) mit nach Mannheim bringen. Seit fünf Jahren spielen die drei zusammen und haben ein traumwandlerisches Zusammenspiel entwickelt. Dass dabei Sinn für Raum, Poesie und Stille eine Rolle spielen, versteht sich fast von selbst – diese Qualitäten zeichnen viele Produktionen aus dem Hause ECM aus; dem Label, das Stars wie Jan Garbarek, Keith Jarrett oder Ralph Towner groß gemacht hat.

Ungewöhnlich aber ist, dass bei Avishai & Co. traditionelle Tugenden wie Swing und Blues-Ästhetik eine große Rolle spielen. Mehr noch: Der Bandleiter beschwört eine ganze Ahnengalerie von Jazzpianisten in seinem Spiel. Dass er dies tut, ohne auch nur einen Moment museal zu wirken, macht einen Gutteil seiner Klasse aus. Reminiszenzen an Größen vergangener Zeiten wie Duke Ellington und Erroll Garner oder Modernisten wie Thelonious Monk und Paul Bley erscheinen, als schimmerte ihre Präsenz wie durch eine Folie zeitgenössischer Prägung hindurch.

Mustergültig in dieser Hinsicht ist Avishais Interpretation von Ellingtons „Mood Indigo“. Den Klassiker aus dem Jahr 1930 spielt er im Zeitlupentempo als eine Klangfarbenstudie, bei der die Harmonien langsam ineinanderfließen und sich überlagern wie bei einem Ton-Aquarell. Elegant eingestreute kleine Triller und Zierläufe, aber auch subtile Dissonanzen wecken Assoziationen an Duke und Monk. Doch die meditative Herangehensweise entspringt ganz dem Hier und Heute.

Harmonische Spannungen

„Ich fühle mich in der Tradition verwurzelt“, bekennt Avishai in einem Porträt, das ECM als Presseinformation dem Album „Joys And Solitudes“ beigefügt hat. Die Beschäftigung mit der Geschichte eröffne neue Perspektiven, wird der Pianist zitiert. Ganz ihm zu eigen ist sein besonderer Sinn für Sparsamkeit in seinem Spiel. Avishai ist keiner, der sein Publikum mit technischen Kabinettstückchen blenden möchte. Er konzentriert sich vielmehr auf das Wesentliche: das Ausloten harmonischer Spannungen, das Entdecken feinster Zwischentöne, das dem Verklingen Nachhören. Eben diese Subtilitäten machen seinen Stil so faszinierend.

„Ich habe gemerkt, dass ich mit weniger Noten viel mehr Expressivität erzeugen kann“, sagt Avishai laut ECM-Mitteilung. Und wieder kommt der Verweis auf die Tradition: „Wenn du dir Lester Young oder Louis Armstrong anhörst, dann siehst du, wie sie dich in acht Takten zu Tränen rühren können.“

Ein Aufenthalt in Japan, der Kontakt dort zum Kabuki-Theater, habe seinen Hang zum Minimalismus wohl bestärkt, mutmaßt der Pianist. Am bewegendsten ist das zu spüren in seinem Stück „When Things Fall Apart“ (Wenn Dinge auseinanderbrechen), eine nachdenkliche, dunkle Ballade, in der Tonfolgen im Raum stehen wie Fragen. Dazu pocht erdenschwer der Bass, flüstert das Schlagzeug sachte und dezent. Hier geht es um existenzielle Dinge.

Die Freude in der Einsamkeit entdeckt er dagegen auf wunderbare Weise in „Tango“, einer zarten Reflexion über das Tanzen – weit entfernt von jeder Frivolität. Und trotzdem schimmert sie durch, als er plötzlich Anklänge an Stride-Piano aus den 1920ern und an Erroll Garners Gute-Laune-Jazz ins Spiel bringt. Die Beschäftigung mit der Geschichte, sie eröffnet in der Tat neue Horizonte.

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