Kultur

Zehn Wochen, zehn Werke Ausgewählte Exponate der Kunsthallenschau „Inspiration Matisse“

Ausdruck neuer Leichtigkeit

Archivartikel

Ein Mann in gebeugter Haltung; die Kopfbedeckung, genannt Fes, sowie das lange weiße Gewand lassen auf eine orientalische Herkunft schließen. Und zu dieser passt auch die helle, geradewegs strahlende Farbgebung von Boden und Hintergrund. Insgesamt wirkt das Bild eher skizzenhaft, rasch entworfen, was ebenso wie die ausdrucksstarke Farbe die Charakterisierung „expressionistisch“ nahelegt. Als „Marokkaner“ hat der „Brücke“-Künstler Ernst Ludwig Kirchner sein in den Jahren 1909/10 in Öl gemaltes Bild betitelt, das sich im Besitz der Mannheimer Kunsthalle befindet.

Derzeit ist es in der Ausstellung „Inspiration Matisse“ zu sehen, die neben dem Werk des Franzosen auch die Wechselwirkung zwischen der Kunst eines Henri Matisse und derjenigen anderer Maler und Bildhauer der Zeit beleuchtet. Nicht zuletzt die Wandverkleidung mit den dekorativen Mustern auf dem Bild „Marokkaner“ erinnert an den stilbildenden Franzosen Matisse. Werke von ihm hatte Kirchner gemeinsam mit seinem Malerfreund Max Pechstein in Berlin gesehen. Der einflussreiche Galerist Paul Cassirer hatte Matisse im Januar 1909 in seiner Galerie präsentiert, die erste Einzelausstellung von Matisse in Deutschland, vorwiegend mit Bildern seiner jüngsten, der fauvistischen Werkphase.

Werben um den Franzosen

Dass die beiden Maler Matisse auf einer Karte an ihren Kollegen Erich Heckel als zum Teil „sehr wüst“ charakterisierten, hinderte sie offenbar nicht daran, sich von seiner Malweise inspirieren zu lassen. Kirchner soll sogar vorgeschlagen haben, Matisse als Mitglied der Dresdner Gruppe „Brücke“ zu werben, wie Inge Herold, stellvertretende Direktorin der Kunsthalle, in einem Beitrag über Kirchners „Marokkaner“ schreibt.

Offenbar durch Matisse angeregt änderte Kirchner seine Malweise, der Farbauftrag wird leichter, die Ölfarbe verdünnt. An die Stelle der Schwere früherer Bilder tritt eine flüssige Malweise; alles wirkt spontaner, frischer.

Kirchners „Marokkaner“ zählt übrigens zu den Rückseitenbildern des Künstlers. Er bemalte die entsprechende Leinwand auf der anderen Seite noch einmal, und zwar mit seinem „Gelben Engelufer, Berlin“. Ob Materialmangel der Grund war, ist nicht ganz klar, aber offenbar war Kirchner das neue Motiv wichtiger. Ihm lag viel daran, als originell zu gelten, als Künstler, der Neues schafft. Vielleicht passte dazu der von Matisse inspirierte „Marokkaner“ schlicht nicht. Aber ganz sicher passt er in die aktuelle Ausstellung.

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