Kultur

Opernhaus Stuttgart "Cranko pur" ist Titel der ersten Ballettpremiere

Ausgefeilte Meisterstücke

Am 25. August dieses Jahres wäre, John Cranko 90 Jahre alt geworden. Das nimmt Raid Anderson, sein dritter Nachfolger, zum Anlass, seine letzte Saison als Stuttgarter Ballettintendant mit einer Hommage an seinen Vorgänger zu beginnen, der 1961 zum Stuttgarter Ballettdirek-tor ernannt wurde und die Compagnie zu internationalem Ruhm und Ansehen führte.

Ballette erzählen Geschichten

"Cranko pur" ist der Titel der ersten Stuttgarter Ballettpremiere in der Spielzeit 2017/18 im Opernhaus. Dabei stehen ein von John Cranko im Jahr 1963 choreografiertes Werk, eines aus dem Jahr 1965 und eines aus dem Jahr 1970 auf dem Programm, die alle in letzter Zeit eher weniger zu sehen waren.

Gemeinsam ist den drei Arbeiten des Meisters des Handlungsballetts, dass John Cranko in diesen drei sogenannten abstrakten Balletten im Grund auch kleine Geschichten erzählt.

Den Auftakt bildet "L'Estro Armonico" zu drei von zwölf Concerti Antonio Vivaldis, die Kurt-Heinz Stolze musikalisch eingerichtet hat. Die im Concerto A-Dur, vor einem roten Hintergrund, und im Concerto a-Moll, vor einem schwarzen Hintergrund, gestellten Themen werden im Concerto D-Dur, vor einem blauen Hintergrund, in allen drei Fällen auf leerer Bühne, aufgenommen und weiterentwickelt.

Eine Hauptlast, dieses in der neoklassizistischen Tradition stehenden, rund halbstündigen Werks, trägt das Corps de ballet, in diesem Fall sechs Tänzerinnen und sechs Tänzer, die im dritten Teil, zusammen mit den drei Solisten, auftreten.

Steppeinlagen auf Spitze

Im ersten Teil sieht man die zwei Solisten David Moore und Marti Fernández Paixà in weißen Trikots und langen Hosen und sechs Tänzerinnen in schwarzer, an einteilige Badeanzüge erinnernder Kleidung.

Im zweiten Teil stehen die Solistin Elisa Badenes, ganz in Weiß, und sechs Tänzer in weißen Trikots und roten Hosen auf der Bühne. Und wie auch im dritten Teil dominieren virtuose Arm- und Beinarbeit bis hin zu Steppeinlagen auf Spitze.

Unter dem Titel "Brouillards" choreografierte John Cranko zehn Episoden auf neun der insgesamt 24 Préludes von Claude Debussy, die Alexander Reitenbach jetzt auf dem Piano kongenial interpretiert.

Dabei bedarf es in diesem Fall keines Bühnenbilds und keiner Kostüme. Eine Bank, ein Schirm und eine Melone sind die einzigen Requisiten.

Weiße Trikots

Sämtliche Tänzer treten in weißen Trikots auf. Jede der zehn Szenen ist ein präzis ausgefeiltes Meisterstück eines ebenso fantasie- wie humorvollen Choreografen.

"La Puerta del Vino" nennt John Cranko die Szene, in der Rocio Aleman die drei sie umschwärmenden Männer (von denen bei der Uraufführung einer Raid Anderson war) Fabio Adorisio, Marti Fernández Paixà und Matteo Crockard-Villa erotisiert.

Elisa Badenes und David Moore interpretieren "Voiles", Clownesk ist die Nummer "Général Lavine Eccentric", in der Allesandro Giaquinto, Matteo Miccini und Cédric Rupp drei Holzkasper charakterisieren.

Friedemann Vogel zeigt in "Bruyéres" mit Freude am Spaß die Bemühungen eines Verliebten um seine Geliebte. Als quirlige Zwillinge stellen sich Angelina Zuccarini und Agnes Su in "Les fées sont d'equisites danseuses" vor.

Diffiziler Pas de deux

Diffizil ist der Pas de deux von Alicia Amatriain und Roman Novitzky in der Episode "Feuilles mortes". Ein amüsantes Beispiel englischen Humors liefern Louis Stiens und das Ensemble in der parodierten Szene "Hommage à S. Pickwick Esq.".

Eine treffend skizzierte Flirtszene ist der von Miriam Kacerova, Jason Reilly und Marti Fernández Paixà getanzte Pas de trois "Des pas sur la neige". In der ersten und letzten, titelgebenden Nummer steht das gesamte Ensemble auf der Bühne.

Den Abschluss des Stuttgarter Ballettabends bildet das Pokerspiel in drei Runden "Jeu de cartes" aus dem Jahr 1965 zur Musik von Igor Strawinski. Ami Morita ist eine kokette Herzkönigin.

Jessica Fyfe entpuppt sich in der Rolle der Karo-Zwei als komisch-komödiantisches Talent. Als Joker kreiert Adhonay Soaras da Silva mit Verve eine Mischung aus Teufel und Kasper.

Es spielt das Staatsorchester Stuttgart unter der umsichtigen Leitung von Aiva Välja. Dieter Schnabel