Kultur

Mainfranken Theater Würzburg Premiere des Klassikers „Cinderella“ begeistert Publikum / Zehnminütiger Beifall für die scheidende Ballettchefin Anna Vita

Ausgereift, emotional packend und äußerst vital

Archivartikel

Ein Hauch von Wehmut bleibt: Ganze zehn Minuten wird im Mainfrankentheater die Premiere des Ballett-Klassikers „Cinderella“, Anna Vitas letzter Choreografie in Würzburg erst stürmisch, dann rhythmisch beklatscht. Als Würzburgs Ballettchefin auf der Bühne erscheint, hält es die Zuhörer im nahezu voll besetzten Großen Haus nicht mehr auf ihren Sitzen.

Eigenständig und kreativ

Vorangegangen ist ein abwechslungsreiches Handlungsballett mit einem Ensemble, das zum Ende der Spielzeit komplett neue Herausforderungen sucht – oder suchen muss.

Ausgereift, emotional packend und vital schöpft Anna Vita die bildhafte Sprache der Musik von Sergej Prokofjew aus, beflügelt von der tänzerisch und dynamisch ausgefeilten Darbietung des von Marie Jacquot geleiteten Philharmonischen Orchesters. Die Choreografie setzt adäquat zur Musik auf die Tradition des klassischen Balletts mit Pas de Deux, Gavotte, einigen Walzern, Bourée, Mazurka und anderen Tanzsätzen, findet aber für die Poesie und die satirischen Elemente eigenständige Ausdrucksformen. Ob es die auf ihre Smartphones starrenden „Smombies“ sind, die halb im Blindflug tanzen, die Stepptänze von Cara Hopkins als Cinderella oder die amüsant-ironischen Auftritte der von Davit Bassénz und Aleksey Zagorulko verkörperten bösen Stiefschwestern sind; die kreativen Einfälle lenken keine Minute von der im Mittelpunkt stehenden Cara Hopkins ab.

Denn zu erleben ist eine Charakterstudie der Titelfigur, die nach dem Tod des geliebten Vaters eine erstaunliche Entwicklung von einer gedemütigten, verspotteten und einsamen Dienstmagd zu einer selbstbewussten, verliebten und sich ihrer Attraktivität bewussten jungen Frau ausdrucksstark mit tänzerischen Mitteln vollzieht. Auf den richtigen Weg bringen sie unfreiwillig die gekonnt affektiert tanzenden Stiefschwestern in schrill-rosa Röckchen.

Sicher eine gute Entscheidung von Anna Vita, diese Rollen männlich zu besetzen. Unterschwellig wird so auf einer anderen Ebene die breitschultrig-männliche Dominanz gegenüber dem schwachen Geschlecht spürbar. Erst die Liebe des Prinzen, geschmeidig-elegant und bühnenpräsent getanzt von Leonam Santos, befreit die junge Frau aus ihrer Lethargie, in der sie aus dem Kreislauf von Traurigkeit, Unterdrückung und Einsamkeit bisher nicht herausfinden konnte. Einsam und unglücklich ist auch der Prinz. Leonam Santos sieht in einem Tagtraum vier Bräute (Zoya Ionkina, Bianca Hopkins, Camilla Matteucci und Caroline Vandenberg) um seine Gunst buhlen. Doch rasch entschwinden die vier Grazien.

Mit Gehstock und Steppschuhen

Viel Vergnügen bereitet Caroline Vandenberg mit ihrer schrillen Darbietung als Heiratsvermittlerin, die vergeblich dem Prinzen mit einer digitalen Datenbank Kandidatinnen offeriert.

Die von Kaori Morito verkörperte, beinhart auftretende Stiefmutter hat nur das Wohlergehen von Cinderellas Stiefschwestern im Sinn, die sie unbedingt mit dem Prinzen verkuppeln will. Besonders wirkungsvoll setzt diese ihren Gehstock ein, mit dem sie ihren drei Frauen nach Belieben zu verstehen gibt, wo es lang geht. Als dann aber Cinderella für ihr Mitleid mit einer Bettlerin mit prächtigen Ballschuhen belohnt wird, mit denen sie nicht nur den Ball besuchen, sondern auch unerkannt mit dem Prinzen tanzend den Abend verbringt, hat sie endgültig ihr Schicksal beherzt in eigene Hände genommen. Abgelegt hat sie den „Cinderella-Komplex“, der als die Angst der Frau vor der Unabhängigkeit von einem Mann beschrieben wird; stattdessen also wie Aschenputtel auf den Märchenprinzen wartet, der sie erlöst und dem sie sich unterordnen kann.

Dieses Klischee des Märchens konterkariert Cinderella im Tanz mit dem Prinzen mit einem Stepptanz; sie ist es jetzt, die den Takt vorgibt. Angefangen mit den ihr allein vom Vater gebliebenen Schuhen, die sie im ersten Auftritt innig herzt, sind es diese Requisiten, die in der Inszenierung große Symbolkraft besitzen und in zigfacher schneeweißer Ausfertigung den Bühnenrand dekorieren. Ansonsten hat Anika Wieners adäquat dazu ein zeitloses Bühnenbild ohne märchenhafte Anmutung geschaffen.

Abwechslungsreich tanzt das Ensemble mit leuchtenden Smartphones auf und in langen Stoffbahnen und mit rollenden Kleiderständern, allesamt in festlichem schwarzen Ballkleid für den großen Auftritt beim Ball des Prinzen präpariert, bei dem wiederum Tänzerinnen den männlichen Part übernehmen.

Beseelt von der perfekt in Szene gesetzten Ballettmusik lässt es sich zum Schluss im Anblick des romantischen Liebespaares in Gefühlen schwelgen, bis sich doch der Vorhang unerbittlich senkt.