Kultur

Apollo Theater Stuttgart Das Musical „Der Glöckner von Notre Dame“ überzeugt

Außenseiter der Gesellschaft

Den Stoff lieferte Victor Hugo mit seinem 1831 erschienenen Roman „Notre Dame de Paris. 1482“, der schon mehreren Opern als Libretto-Vorlage gedient hat, der mehrfach verfilmt worden ist und aus dem der Ungar Peter Tömöry mit der Musik seines Landsmannes Gabor Kemeny 1988 ein Musical machte.

Im Stuttgarter Apollo Theater ist jetzt das bekanntere, 1999 in Berlin uraufgeführte Disney-Musical „Der Glöckner von Notre Dame“ zu sehen. Das Buch schrieben Peter Pamell und James Lapine, die Musik stammt von Alen Menken, die Texte von Stephen Schwartz.

Wie im Roman geht es um den Titelhelden des Musicals, um den missgestalteten Quasimodo, um den Erzdiakon Claude Frollo, der sein Onkel ist und der davon spricht: „Dieses Kind ist das Kreuz, das ich tragen soll“, um die Zigeunerin Esmaralda, der dieser Priester nachstellt und die ihrerseits den Hauptmann Phoebus de Martin liebt. Esmeralda endet auf dem Scheiterhaufen und davor kann sie auch Quasimodo, der ihr eng verbunden ist, nicht bewahren.

Diese Geschichte hat Alan Menken, der sich dabei auch von traditioneller Zigeunermusik inspirieren ließ und an geistlichen Chorgesang erinnernde Passagen integrierte, eindrucks- und wirkungsvoll vertont.

Dabei ist das Ganze, trotz des historisierenden Hintergrunds, der auch die Stuttgarter Aufführung bestimmt, in der Thematik durchaus aktuell.

Geht es doch, jenseits aller Liebeshändel und Intrigen, um Außenseiter der Gesellschaft, die auch heute in verschiedener Gestalt Aufsehen erregen und zur Diskussion anregen.

Und Außenseiter sind sie beide, Quasimodo und Esmeralda. Und in gewisser Hinsicht entsprechen auch der Erzdiakon und der Hauptmann in ihrem Verhalten und Tun nicht dem, was man gemeinhin von einem Vertreter ihres Standes erwartet. Und so hat dieses Musical, über seinen dieser Gattung immanenten Unterhaltungswert hinaus eine sozialkritische Komponente. Beide Ebenen werden in Stuttgart miteinander verbunden. Geradezu ideal gestaltet ist das Milieu, im Grund ein Simultanbühnenbild, das durch Verschiebungen und technisch perfekt funktionierende Umbauten während des Spiels immer wieder neue Perspektiven eröffnet.

Das Gleichbleibende ist eine Holzbalkenkonstruktion, die das Innere des Glockenturm von Notre Dame zeigt.

Dazu gehören selbstverständlich riesige Glocken, die vom Schnürboden herabgelassen werden, aber auch eine farbige Rosette an der Hinterwand.

Der Regisseur Scott Schwartz hält die Personen der Handlung ständig in Bewegung und zeigt so lebendiges Theater, bei dem sogar die Steinfiguren zum Leben erweckt werden und mit Quasimodo sprechen.

Doch nicht genug dieses bunten Treibens, was gezeigt wird, ist realistische Musikdramatik im besten Sinn. Denn sowohl der Chor – Orchestra & Choral Society Freiburg – als auch die Solisten werden ihrer Aufgabe nicht nur im Spiel gerecht, sie überzeugen auch stimmlich.

David Jacobs ist ein in diesen drei Sparten restlos überzeugender Quasimodo. Dieter Schnabel