Kultur

Bahn für Bahn

Als Kind hat das Freibad etwas Magisches. Es ist nicht nur Ort, sondern auch Lebensgefühl, markiert es doch den Beginn des Sommers, der Ferien und damit die Freiheit von unliebsamen Verpflichtungen. Chloriger Geruch und Geschrei, das bedeutet Glück. Später trifft man dort Freunde, lungert lässig auf der Wiese und tunkt die anderen ins Wasser. Vielleicht lernt man wie die Oma damals den Zukünftigen kennen, der elegant Pirouette um Pirouette vom Sprungturm dreht? Alles scheint möglich an so einem Sommertag.

Aber wie das so ist mit dem Erwachsenwerden, der eben noch verzauberte Ort verliert seinen Reiz. Schmutz, Lärm, hygienische Bedenken – der Freibadbesuch wird zum Gräuel. Nur noch versierte Schwimmer passieren das Drehkreuz.

Doch manchmal packt sie zu, die Nostalgie. Auf dem Weg zur Arbeit begegnen einem erwartungsvolle, mit Luftmatratze bewaffnete Kinderscharen. Der Kollege erzählt beim Essen, wie sehr ihn das Schwimmen entspannt. „Vielleicht probiere ich es doch noch mal“, denkt man sich und zieht eines Abends los. Das Waten durch das trübe knöchelhohe Wasser zur kalten Dusche sorgt dank fehlender Badelatschen für den ersten Verdruss.

Kaum schwingt man sich ins kühlende Becken, scheint alles vergeben. Die erste Bahn bringt die ersehnte Entspannung. Der verkrampfte Rücken lockert sich. So schlecht ist es hier gar nicht – bis ein Halbwüchsiger mit einem phänomenalen Rückenklatscher, der das Schwimmbecken um die Hälfte seines Wasserstands erleichtert, einen unter sich begräbt. Denn Ausweichen ist unmöglich, weil tratschende Seniorinnen die gesamte Bahn blockieren. „Hierher komme ich nie wieder“, denkt man sich – und steht an einem heißen Tag im nächsten Sommer wieder in der Schlange vor dem Kassenhäuschen. Celine Koffka