Kultur

Klassik Künstliche Intelligenz soll bislang unvollendete Zehnte fortschreiben / Uraufführung am 28. April in Bonn geplant

Beethovens Computer-Sinfonie

Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) soll Ludwig van Beethovens unvollendete 10. Sinfonie vollendet werden – diese Nachricht sorgte unlängst für Aufsehen. Nach Einschätzung des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern geht es dabei aber nicht darum, Menschen Konkurrenz zu machen und visionäre Denkvorgänge im Computer nachzustellen.

„Dass KI mit genügend Aufwand Muster finden kann, die für die Musik von Beethoven charakteristisch sind, ist gar nicht so erstaunlich“, sagt Paul Lukowicz, Wissenschaftlicher Direktor und Leiter des DFKI-Forschungsbereichs Eingebettete Intelligenz. Erstaunlich sei aber, dass man daraus mathematische Funktionen so generieren könne, dass das menschliche Empfinden getäuscht werde. „Die generierte Musik ist dann von dem Original nur schwer zu unterscheiden.“ Man sollte aber nie vergessen, dass KI nur komplexe mathematische Verfahren anwende. „Mit menschlicher Kreativität hat das rein gar nichts zu tun“, erklärt Lukowicz.

Ein internationales Team aus Musikwissenschaftlern und Komponisten sowie dem Pianisten Robert Levin und Computer-Experten arbeite an dem Projekt, berichtete die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Ein Sprecher der Deutschen Telekom, die das Vorhaben initiiert hat, bestätigte das Vorhaben. Die Sinfonie soll am 28. April vom Beethoven-Orchester in Bonn uraufgeführt werden. In diesem Jahr wird der 250. Geburtstag des berühmten Komponisten (1770-1827) gefeiert. Von der 10. Sinfonie, die Beethoven nicht mehr vollenden konnte, sind nur handschriftliche Notizen erhalten.

Mensch und Maschine im Dialog

„Die heutige KI – oder speziell das maschinelle Lernen, was ein Untergebiet der KI ist – hat wenig mit menschlicher Intelligenz zu tun“, sagt Lukowicz. „Viel mehr geht es darum, in großen Datenmengen Muster zu finden und diese auf komplexe mathematische Funktionen abzubilden.“ Diese Funktionen können dazu verwendet werden, neue ähnliche Muster zu generieren.

„Musik ist bekanntermaßen eng mit Mathematik verwandt.“ Der Versuch sei „hochgradig interessant“, meint Lukowicz. „In einer Zeit, in der KI-Systeme mehr und mehr mit Menschen im Alltag interagieren, ist es sehr wichtig zu erforschen, wie KI-Systeme subjektive Wahrnehmung modellieren können.“

Auch Stephan Baumann, Musik- und KI-Forscher am DFKI, stellt klar, dass es nicht darum gehe, Musiker und Komponisten zu ersetzen. „Es geht darum, dass technologische Tools den kreativen Prozess unterstützen.“ Daraus könne ein „cooler Dialog“ zwischen Mensch und Maschine entstehen.

Der Einsatz von Musiktechnologie habe in den Händen der kreativsten Künstler in der Vergangenheit ungeplante, interessante Neuerungen hervorgebracht, sagt Baumann. So habe der Drumcomputer nicht den Schlagzeuger ersetzt, sondern Genres wie Techno und House ermöglicht. Er geht davon aus, dass solche Tendenzen auch in Zukunft zu erwarten sind – wenn ausgereifte Musik-KI-Tools auf begnadete Musiker treffen.

Dass unter anderem Klassikliebhaber das Beethoven-Projekt kritisieren, nennt Lukowicz bedauerlich. In Teilen der Öffentlichkeit werde KI „stark durch die Brille irgendwelcher Science-Fiction-Filme“ gesehen, sagt der Fachmann.

Fehlende Passagen ergänzen

„Hier ist Aufklärungsarbeit notwendig, damit Menschen verstehen, dass keine Magie, sondern Mathematik und Algorithmik am Werk sind.“ Am Ende bleibe ein Computer immer ein Haufen elektrischer Schalter. „Egal, wie komplex die mathematischen Methoden sind, die darauf laufen.“

Dem Bericht zufolge wollen Wissenschaftler einen Algorithmus so trainieren, dass er die fehlenden Passagen beethovengemäß ergänzt. Was dabei herauskomme, wisse niemand, heißt es. Schon häufiger gab es Versuche, Computerprogramme komponieren zu lassen. Dazu zählt die „Fertigstellung“ der unvollendeten 8. Sinfonie in h-Moll von Franz Schubert (1797-1828). dpa

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