Kultur

Show Sängerin Mary Roos schmettert Ohrwürmer im Capitol, während Kabarettist Wolfgang Trepper darüber lästert

Bekannte Schlager und bitterböse Pointen

Welch eine irrwitzige Kombination! Auf der Bühne grantelt und giftet Kabarettist Wolfgang Trepper über den deutschen Schlager. Neben ihm singt und sinniert eine Ikone dieser Branche – Mary Roos. Und deren Fans füllen das ausverkaufte Mannheimer Capitol. Das kann doch nicht gut gehen. Von wegen! Der Läster-Liederstadl erweist sich als Publikumsknüller. Schließlich werden Schlager seit jeher geliebt und gehasst. Außerdem gehört die unerträgliche Seichtigkeit des Seins zum Leben.

Schräg ist nicht nur die Show – auch ihr Titel „Nutten, Koks und frische Erdbeeren“. Angeblich soll sich der blonde Träger schwarzer Sonnenbrillen die „Dreifaltigkeit des Humtata“ vor Auftritten ausbedungen haben. Nun ja, ein Heino vermag sich noch jenseits der 70 in einen Rocker zu verwandeln. Aber in die Jahre gekommene Interpretinnen haben es in einem Glitzermetier schwer – es sei denn, sie machen ihr Alter selbstironisch zum Kult. Und so reagiert Mary Roos souverän unbeteiligt, als ihr Bühnenpartner in den knallvollen Saal ruft: „Begrüßen Sie mit mir eine Frau, die Sie sonst für Eintrittsgeld nur noch bei Körperwelten sehen können!“

Sprüche werden gekontert

Die 69-Jährige, die angeblich „das Tote Meer schon kannte, als es noch krank war“, setzt ihrerseits eins drauf und fragt von einer vierköpfigen Band begleitet: „Wie lange woll’n Sie das noch machen?“ Wenn es nach Capitol-Besuchern ginge, noch lange. Das Publikum bedenkt die energiegeladene Grande Dame des Schlagers mit Beifallsstürmen und erhebt sich dafür von den Stühlen.

Der spitzzüngige Spötter aus dem Ruhrpott – mit 56 auch nicht mehr blutjung – begeistert nicht minder, wenn er Ohrwürmer gnadenlos imitiert und seziert. „Wenn du denkst du denkst dann denkst du nur“ – entsprechend diesem Juliane-Werding-Song offenbart er, wie wenig bei Schlagertexten gedacht wird. Ach, wer hätte gedacht: „Schmetterlinge können nicht weinen.“ Ob daran der Bossa Nova schuld ist? Manchmal hält das Publikum verschreckt inne, bevor es losprustet – wenn Trepper beispielsweise Thomas Anders als die „Frau von Modern Talking“ tituliert. In solchen Momenten setzt Mary Roos die undurchdringliche Miene einer Sphinx auf. Das Bitterböse ist nicht ihr Part – sie begeistert bei der Revue mit Gesang.

Anekdote vom Klammerblues

In der herrlich anekdotenreichen Hitparade quer durch die Jahrzehnte – natürlich mit Hommage an den Schnellsprechmoderator Dieter Thomas Heck – nähern sich die zwei so unterschiedlich gepolten Bühnen-Profis am Ende sogar an. Weil Erinnerungen verbinden. Beispielsweise jene an den „Zug nach Nirgendwo“, der einst Trepper in den „Klammerblues“ führte. Und wie sich da ein Jugendlicher in den 1970er zu verhalten hatte, wussten „Bravo“-Leser schon längst von Dr. Sommer.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/kultur

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